Bewusstseinsbildung - Zukunft





Kostenlose Lehrbriefe

1. Lehrbrief
2. Lehrbrief
3. Lehrbrief
4. Lehrbrief
5. Lehrbrief
6. Lehrbrief


1. Lehrbrief



Wolle die Wandlung.
Oh sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht,
das mit Verwandlung prunkt;
jener entwerfende Geist,
welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung
nichts wie den wendenden Punkt.

Rainer Maria Rilke aus
"Sonette an Orpheus"


"Die Zukunft war viel besser als die Gegenwart" (Karl Valentin)


Zukunft entsteht scheinbar von selbst, und wenn sich jemand sehr bemüht seine Zukunft zu planen, dann kommt es erstens anders und zweitens als man denkt.
Der Mensch hat offensichtlich keinen Einfluss auf die Zukunft. Wir reden hier von einem weiter gefassten Begriff "Zukunft" als den, bei dem es sich ausschließlich um persönliche Zukunftsgestaltung handelt. Alles, was nicht mehr heute ist, ist morgen, und das Morgen ist Zukunft. Darüber hinaus verspricht Zukunft immer etwas, was es heute noch nicht gibt. Aber wie entsteht dieses Neue? Irgendwo im Verborgenen muss es still und heimlich wachsen, gären, gedacht und gefühlt werden. Das, was nicht mehr dient, um Entwicklung zu ermöglichen, um Probleme zu lösen, muss in etwas Besseres umgewandelt werden, sonst konserviert sich die Gegenwart, was auch oft eine Zeit lang stattfindet. Aber nach und nach wird die alt gewordene Zeit wie eine reife Kruste von der Haut abgestoßen. Das Neue ist hier! Wo entsteht dieses Neue? Wo versteckt es sich eine Zeit lang? Im Bewusstsein des Menschen! Der erste Ort, an dem Zukunft entsteht, ist das Denken, wenngleich ein Problem vorher überhaupt in das Bewusstsein eintreten muss, bis es vom Denken erfasst und umgewandelt werden kann. Wenn dieser Vorgang blockiert ist, so spricht man davon, dass jemand kein Bewusstsein von einem Problem, einer Sache hat.

Im Zeitalter der Medien und ihrer vielfältigen Beeinflussungsmöglichkeiten sind beide Fälle begünstigt, nämlich viele unnötigen Dinge überschwemmen das Bewusstsein, und die wichtigen Probleme bleiben oft verborgen. So wie alles Alte schließlich doch dem Neuen weichen muss, so erfüllt sich Karl Valentins Spruch, dass die Zukunft viel besser als die Gegenwart war. Sie kann es nur sein, weil ihr Dünger das Alte war, das zur Pflanze der Zukunft wurde. Zukünftige Gedanken in sich aufzusuchen und rege zu machen, ist keine Tagträumerei, sondern ein Saatbeet für Entstehendes.

Vor den vielen Schatten, die sich in der Gegenwart ausbreiten, braucht man keine Angst zu haben, weil der alte Spruch sich immer bewahrheitet, dass dort, wo viel Schatten ist, viel Licht sein muss. Das lässt sich auch physikalisch beweisen. Welch ein Glück! Der große Schatten weist darauf hin, dass im Verborgenen Neues, Großes und Vorwärtsbringendes darauf wartet entdeckt zu werden, um es in das Bewusstsein zu integrieren. Wie geht das vor sich?

Es gibt Initiativen, die von der Zivilgesellschaft ins Leben gerufen werden, und die im Verborgenen blühen, weil sie nicht im Medienmittelpunkt stehen. Das betrifft erfreulicherweise das Bankwesen und ein vermehrtes nachhaltiges Produzieren im Wirtschaftsleben. Zum Beispiel steht Österreich an erster Stelle der Welt im Einsetzen eines Recyclingverfahrens, das Plastik herstellt, das nicht von Giftstoffen belastet ist. Leider haben die Konzerne wenig Interesse an diesem kostenintensiveren Verfahren.

Aber am besten fängt man bei sich selbst an, weil die stärkste Kraft der Veränderung um sich greift, wenn der einzelne Mensch erkennt, dass er zwar gerne eine bessere und humanere Welt hätte, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt steht und nicht die Gier nach Geld, aber dass er etwas dafür tun muss und er es nicht dem Staat überlassen darf. Erst wenn der Einzelne bereit ist, auf einige Bequemlichkeiten in seinem Leben zu verzichten, beginnt er sich vielleicht auf diesen Weg zu machen, der eine Neugestaltung des Lebensalltags ermöglicht.

In welcher Bewusstseinswirklichkeit ich lebe ist daher die entscheidende Frage. Wenn mein Bewusstsein mir etwas über meine Wirklichkeit vermittelt, sie muss gar nicht mit der Realität übereinstimmen, so spricht man von Bewusstseinswirklichkeit, weil es dem Bewusstsein desjenigen entspricht, der damit eine vermeintliche Realität konstruiert. So kann man sagen, dass es viele Bewusstseinswirklichkeiten gibt. Dort, wohin ich meine Wahrnehmung fokussiere, kann Bewusstsein entstehen. Kann, es muss nicht sein.
So wird die persönliche Lebensgestaltung davon abhängen, welche Bewusstseinswirklichkeit sich jemand konstruiert. Die meisten Menschen müssen sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen, und das bedeutet manipulierbar, erpressbar zu sein, um die finanzielle Existenz nicht zu verlieren. Die Anpassung beginnt. Um sich in dieser Anpassung nicht zu verlieren, muss ich etwas in mir rege machen, fördern oder aufsuchen, das mein Wesen überleben lässt, nämlich ein Bild vom Menschen - ein Menschenbild. Das Menschenbild im 21. Jahrhundert unterscheidet sich vom 19. und 20. Jahrhundert vor allem dadurch, dass über eine transirdische Welt nicht mehr nachgedacht, geschweige geredet wird. Zweifellos ist die Befreiung von dem jahrhundertelangen Joch der Kirchen zu begrüßen, nur das entstandene Vakuum muss gefüllt werden, aber nicht durch den Gott Mammon. Der eigenständige Weg des Menschen zu der Welt, aus der er stammt, und in die jeder wieder zurückkehrt, ist sicher kein leichter, und kann nur mit eigener Kraft erobert werden.

An dieser Stelle sei ein sensationelles Buch des Neurochirurgen Dr. med. Eben Alexander erwähnt, der von einem rein materialistischen Weltbild geprägt war, bis er durch eine schwere Gehirnerkrankung in ein siebentägiges Koma fiel. Was er in diesen sieben Tagen im Koma erlebt hatte, hat ihn zu einem völlig anderen Menschen gemacht. Das materialistische Weltbild war für ihn nicht mehr haltbar. Natürlich hat er an kein Weiterleben nach dem Tod geglaubt! Aber jetzt war alles anders.
Buchtitel: Dr. med. Eben Alexander: Blick in die Ewigkeit. 2016 Heyne.

Wie kann ich zu einer Bewusstseinswirklichkeit vordringen, die der Realität entspricht, wobei die erste Frage gleich lautet, was als Realität anzusehen ist. Es gibt Wirklichkeiten, die unbestreitbar sind, wie zum Beispiel: Alle Menschen müssen sterben, oder Frauen gebären Kinder. Für deren Anerkenntnis muss man auch nichts tun. Anders schaut es aus bei Fragen, deren Wahrheitsgehalt erst durch die Beschäftigung mit dem Thema erschlossen werden kann. Zum Beispiel: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die meisten Menschen interessiert das Thema nicht, weil es ihnen zu mühsam ist, sich eine Meinung darüber zu bilden.

Eine relativ einfache Möglichkeit, um an seiner Bewusstseinswirklichkeit zu arbeiten, ist zu überprüfen, ob ich körpergerecht atme oder nicht. Man kann nämlich seine Atmung aus schlechter Gewohnheit von der Vollatmung, nämlich Brust- und Bauchatmung, auf die Brustatmung reduzieren. Das vollzieht sich meistens unbewusst. Die Folgen sind fatal, weil die eingeschränkte Atmung sich auf das Gehirn und somit wieder auf die Möglichkeiten des Bewusstseins auswirkt. Dazu folgender Gedanke: Die Wissenschaft unterscheidet mit Hilfe des Elektroenzephalogramms (EEG) vier verschiedene Schwingungszustände des Gehirns. Der erste Zustand wird als Delta bezeichnet. Hier misst man bis zu 4 Hertz Gehirnfrequenz, und im tiefen, traumlosen Schlaf befindet sich jeder Mensch in dieser Schwingungsfrequenz. Der Theta-Bereich zeigt eine Frequenz von 4 - 7 Hertz, die Entspannung ist nicht mehr so tief, man schläft oder meditiert. Dann folgt der kreativste und reibungsloseste Zustand des Gehirns: der Alpha-Bereich mit 7 - 14 Hertz. Das eindimensionale Sehen fällt weg, wir können Probleme aus allen Perspektiven betrachten, die Gedanken sind ruhig und wir atmen tief und gleichmäßig und fühlen uns wohl. Alles was über 14 Hertz hinausgeht, fällt unter den Begriff Beta, diese Skala kann bis zu 35 Hertz reichen. In Beta können keine optimalen Lösungen erreicht werden. Beta steht für Kampf, Abwehr und Krieg, für das NEIN. In Beta ist die linke Gehirnhälfte hochaktiv, die rechte hingegen so gut wie ausgeschaltet.

Leider muss man sagen, dass die meisten Menschen im Beta-Zustand agieren, weil sich die Atmung aus irgendwelchen Gründen auf die Brustatmung reduziert hat. Mit der Brustatmung beginnt der erste Akt des Dramas der unbewussten Wesensverleugnung. Alles andere ergibt sich fast von selbst im Verein mit der Angst um das existentielle Überleben. Diese Angst ist berechtigt, wird aber sehr gut benützt, um Menschen für die Wünsche der Mächtigen gefügig zu machen. Es gibt eine relativ einfache Methode um den eigenen Schwingungszustand im Gehirn zu kontrollieren. Sollten Sie in der falschen Atmung gefangen sein, dann kommen Sie von "Beta" nicht weg. Dass es eine richtige und falsche Atmung gibt, ist selbst schon aufsehenerregend, nämlich, dass der Mensch seine der Körperfunktion angepasste Atmung zum Schlechteren verändern kann. Wie geht das? Sie brauchen nur beim Einatmen den Bauch einziehen und die Lunge mit Luft füllen. Das nennt man reine Brustatmung, und diese reduziert Ihr Sauerstoffvolumen im Nu. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass es sich nicht nur um mehr oder weniger Sauerstoff im Gehirn handelt. Es geht um Wahrnehmung. Es geht darum, die Möglichkeiten der eigenen Wahrnehmung zu erhöhen. Umso besser ich wahrnehme, umso besser kann ich auf das Leben reagieren.

Rauchen ist die sicherste Art sich die schädigende Brustatmung anzutrainieren, weil niemand würde es überleben, wenn er die Vollatmung (Brust und Bauch) beim Rauchen anwendet.

Die körperangepasste Atmung lässt beim Einatmen den Bauch locker, das Zwerchfell tritt um ca. 3 cm nach unten und gibt der Lunge Raum, damit sie sich füllen kann. Wir wurden alle mit dieser Atmung geboren, und als wir Kinder waren, ist sie automatisch passiert. Wenn Sie auf diese Weise atmen, kommen Sie mühelos in den Alpha-Zustand.

Man war immer sehr interessiert daran, Menschen von der körpergerechten Atmung wegzubringen. Besonders beim Militär hat sich die Brustatmung bewährt, weil damit die Sensibilität für den Bruder Mensch untergraben werden konnte.



Atemübung

Sie sitzen mit geradem Rücken auf einem Sessel. Sie lehnen sich an. Beide Füße sind mit der ganzen Fußsohle am Boden. Ihr Bauch ist locker - nicht angespannt. Beide Hände liegen auf dem Nabel. Beim Einatmen lassen Sie den Unterbauch (jener Bereich unterhalb des Nabels) extrem locker, als würde er sich mit Luft füllen. Beim Ausatmen lassen Sie die Luft mit einem hörbaren "f" wieder los, die in Sie eingeströmt ist.

Damit üben Sie einmal nur die Bauchatmung. Wo immer Sie sich befinden, denken Sie tagsüber immer wieder daran, den Bauch locker und nicht angespannt zu haben. Als Negativversuch ziehen Sie den Bauch ein, dann werden Sie den Unterschied bemerken.

In diesem Lehrbrief sollen Sie zunächst Ihren lockeren Bauch pflegen. Für die Atmung heißt das, zunächst nur die Bauchatmung zu üben, ehe Sie lernen Bauch- und Brustatmung zu verbinden. Mit dieser einfachen Atemübung kommen Sie zu sich, werden Sie sich Ihrer selbst bewusst, das heißt Sie werden selbstbewusst und verändern Ihre Wahrnehmung, aber dieses Selbstbewusstsein kommt aus der richtigen Quelle, nämlich aus Ihrem Wesen und nicht aus dem was andere aus Ihnen für ihre egoistischen Zwecke machen wollen.

Für die Atmung durchlässig zu werden, bedeutet mehr als nur eine Atemübung machen. Diese so harmlos anmutende Übung hat eine große Wirkung in sich. Probieren Sie es aus!


Wolle die Wandlung.
Oh sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht,
das mit Verwandlung prunkt;
jener entwerfende Geist,
Welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung
nichts wie den wendenden Punkt.

Rainer Maria Rilke aus
"Sonette an Orpheus"









Kostenlose Lehrbriefe
2. Lehrbrief



Das schlafende Bewusstsein im Verhältnis von Gesundheit, Krankheit, Heilung und Selbstheilung möchte erwachen!

Der erste Lehrbrief ist mit der Frage ausgeklungen, welche Bewusstseinswirklichkeit ich mir zurechtgelegt habe, und inwieweit diese Illusion und Täuschung unterstützt und fördert oder nicht. Am Beispiel Atmung wurde gezeigt inwieweit die eingeschränkte Atmung (nur Brustatmung) Einfluss auf die Gehirntätigkeit ausübt und darüber hinaus Bewusstseinserweiterung nicht zulässt, und den Wahrnehmungs-fokus verengt (Beta-Zustand der Gehirnwellen).

Am Ende dieses Lehrbriefes finden Sie eine Übung, welche die kombinierte Atmung von Brust und Bauch lehrt. Diese Atmung bezeichnet man als Vollatmung. Wir wurden damit geboren und sie stellt die optimale Versorgung mit Sauerstoff dar, und nicht nur das, sie ermöglicht ein Durchlässigwerden für die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Bewusstseins-erweiterung kann stattfinden. Jener Bereich, in dem das eigene Bewusstsein fast lahmgelegt ist und schläft und das Höchstmaß an Zukunftsfähigkeit erst erobern muss, ist die Möglichkeit das Verhältnis zwischen Gesundheit, Krankheit und Heilung zu beeinflussen und bewusstseins-bildend zu durchleben. Aber was heißt das?

Wie schon die Instruktion über die Atmung gezeigt hat, und wie ich nur aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Stimmbildnerin bestätigen kann, so wird dem Körper zu wenig Beachtung geschenkt, außer wenn man krank wird. So wie viele Menschen ihre Atmung korrumpieren, so weitet sich dieser Prozess oft auf den ganzen Körper aus. Es kommt hinzu, dass die fortgeschrittene Pharmaindustrie Medikamente zur Verfügung stellt, die dem Körper sein Erproben der Selbstheilungskräfte abnehmen, bis niemand mehr an diese glaubt, weil man zu wenig Gelegenheit hatte sie kennenzulernen. Wenngleich nicht außer Acht gelassen werden darf, dass wir es der Pharmaindustrie verdanken, dass deren Medikamente oft lebensrettende Wirkung haben. Eine bemerkenswerte Tatsache eröffnet sich, wenn man bedenkt, dass der Standard der Gesundheitsversorgung in Europa sehr hoch ist und trotzdem eine noch nie da gewesene Höchstrate an Kranken hervorbringt. Irgendetwas scheint im Umgang von Gesundheit, Krankheit und Heilung nicht zu stimmen.

Wenn wir krank werden, und insbesondere bei einer lebensbedrohlichen Krankheit, suchen wir Hilfe bei einem Arzt, der über die Zusammenhänge im Körper mehr Wissen hat als wir. Das ist auch gut so. Jetzt beginnt ein Prozess, dessen Steuerung wir gerne dem Arzt überlassen, weil er es eben besser weiß, was zu tun ist. Aber genau hier ist eine Gratwanderung gefragt, nämlich dass Arzt und Patient auf gleicher Augenhöhe agieren, weil kein Arzt kann das fühlen, was der Patient durch seine Krankheit körperlich und seelisch erlebt.

Der mündige Patient ist also gefragt - das nennt man Patientenkompetenz. Damit die derzeitige "Es-Medizin", das bedeutet, dass fast alle Krankheiten - insbesondere die Krebserkrankung - mit einer gleichen Therapie - in dem Fall der Chemotherapie - behandelt werden, ohne Berücksichtigung z. B. einer "Gendermedizin", sich zu einer "Ich-Medizin" (individuelle Therapierung) entwickeln kann. Ein mündiger Patient sein heißt zunächst Informationen über seine Krankheit zu sammeln. Das ist nur der Anfang eines langen Weges, der über Auseinandersetzung, aktives Annehmen der Krankheit bis zur Miteinbeziehung der spirituellen Kräfte führt. Dieser Weg wird im Rahmen dieses Textes nur angedeutet, wenngleich er in der Gesprächsbegleitung einen großen Raum einnimmt.

Der internistische Onkologe Prof. Gerd Nagel, der vor 30 Jahren an einer unbekannten Form der Leukämie erkrankte und diese Krankheit überwinden konnte, sagt "Heilung ist für mich nicht ein Zustand, den es zu erreichen, sondern ein Weg, den es zu gehen gilt." Wenngleich jeder Patient natürlich gesund werden möchte und die Heilung nicht aus dem Auge verloren wird. Klüger wäre es, die Quellen der Gesundheit sprudeln zu lassen bevor man krank wird. Aber wer tut das schon! Zumindest kennenlernen sollte man diese Quellen, um im Fall einer Krankheit daraus schöpfen zu können.

Aber wie sind diese Quellen zu finden? Der Begriff Gesundheit lässt sich gar nicht so leicht definieren. Das klingt zwar seltsam, aber bei näherer Betrachtung fällt es schwer zu beurteilen, ob ein Mensch, der zehn verschiedene Medikamente pro Tag einnimmt und arbeits- und leistungsfähig ist, als gesund bezeichnet werden kann oder nicht. Im Gegenzug lässt die Stellungnahme des Dichters Christian Morgenstern aufhorchen, der über seine Krankheit, die Tuberkulose, sagt "Ja, ich leide an meinem Zustand, aber ich fühle mich nicht krank." Eine nachdenkenswerte Aussage begegnet uns hier. Auch die Größen des Geisteslebens der Vergangenheit, wie Goethe und Schiller, hatten mit den schwersten Erkrankungen zu kämpfen. Goethe litt 30 Jahre lang, seit seinem 53. Lebensjahr, an einer schweren Angina pectoris. Die Obduktion von Schillers Körper ergab ein erschütterndes Bild: Man fand die Lunge breiartig und ganz desorganisiert, das Herz ohne Muskelsubstanz, die Gallenblase und die Milz unnatürlich vergrößert, die Nieren in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen. Wenn man bedenkt welche Werke diese beiden Größen der Sprache hervorgebracht haben, so fragt man sich wie das möglich ist - waren sie gesund oder krank?

Eines kann man mit Sicherheit sagen, dass Gesundheit kein stabiles Gleichgewicht darstellt, weil so viele Faktoren daran beteiligt sind, die immer ausbalanciert werden müssen. Wäre der Mensch nur Körper, nämlich Fleisch, Knochen, Muskeln, Sehnen, Haare usw., so wäre es einfach. Da der Mensch aus Körper, Emotionen (Seele) und Gedanken (Geist) besteht, so stellt sich das Unterfangen Stabilität schwieriger dar. Wo sind die Quellen der Gesundheit zu finden? Vielleicht in unseren Gedanken - wie wir denken? Ob wir alles schwarzmalen oder alles hellblau einfärben? Beides tut nicht gut. Oder sind es die Emotionen? Lebt der Choleriker gefährlicher als der Verdränger von Emotionen? Gedanken und Emotionen beeinflussen erwiesenermaßen in hohem Grad den Gesundheitszustand, gefolgt von den Umweltbedingungen.


Heilung

Heilung ist immer möglich, auch wenn die Medizin ein Leiden für unheilbar erklärt. Der Grund ist darin zu suchen, dass jede Krankheit einen individuellen Verlauf hat, weil jeder Mensch nämlich ein individuelles Wesen ist; aus diesem Grund spielt das Denken und Fühlen des Patienten eine große Rolle, in dem Ausmaß, in dem es der Selbstregulation dient und diese nicht behindert. Was ist Selbstregulation? Ein anderes Wort dafür ist Salutogenese. In die wissenschaftliche Welt wurde der Begriff von dem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923 - 1994) eingeführt. Er untersuchte den Zusammenhang von Stress, Gesundheit und Wohlbefinden bei den Opfern nationalsozialistischer Verbrechen. Was waren die Eigenschaften von Menschen, die durch schwere Traumen gegangen waren und dennoch Jahre danach körperlich und seelisch gesund waren? Was hat diese Menschen gesund erhalten? Seine Untersuchungen ergaben Eigenschaften wie eine optimistische, vertrauensvolle und tatkräftige Lebenseinstellung. Aber nicht nur das, er spricht von einem Kohärenzgefühl, das er folgendermaßen definiert:

1. dass das Leben nicht chaotisch, sondern geordnet und erklärbar ist, auch wenn es sich nicht so darstellt,

2. man kann auf Ressourcen zurückgreifen, um die Anforderungen des Lebens zu bestehen, wie z.B. familiärer Rückhalt, ein soziales Netz, eine spirituelle Eingebundenheit, Gott usw.

3. die Grunderfahrung, dass es einen Sinn hat zu leben.


Selbstheilung

Selbstheilung ist ein sehr zukunftsorientiertes Thema. Niemand sollte sich überschätzen, indem er eine schwere Krankheit allein durch Selbstheilungskräfte zu bewältigen versucht. Aber auch hier gilt: Selbstheilungskräfte in sich zu entfalten ist möglich. Wenn man einmal beobachtet hat wie eine Wunde am Körper allmählich heilt, bekommt man eine Ahnung davon, welches Potential der Selbstheilung der Körper zur Verfügung stellen kann. Es darf nie vergessen werden, dass der Mensch mehr als seine Krankheit ist. Es beginnt schon damit, dass bei jeder Krankheit auch ein großer Teil des Körpers gesund ist. Man muss sich immer vor Augen führen, dass man nicht nur kranke, sondern auch gesunde Zellen hat, und das Gesunde kann noch gesünder werden, damit das Kranke daran wieder gesunden kann. Jeder Mensch verfügt über Kräfte, mit denen er seine Krankheit überwinden kann. Inwieweit das gelingt, hängt davon ab, in welchem Maß er sich dieser Kräfte bewusst wird, inwieweit er sie ausbilden und zur Wirksamkeit bringen kann. Menschen, die ein gesundheitliches Tief zum Anreiz nehmen, sich in einem nächsten Anlauf neue Anreize in Richtung Leben zu geben, können auch lebensbedrohliche Krankheiten überwinden.



Zum Abschluss die angekündigte Atemübung, die zur inneren Ruhe führen soll.

In der Ruhe kommt der Mensch zu sich,
wird sich seiner selbst bewusst - wird selbstbewusst



Übung:

Die Bauchatmung ist Ihnen schon vertraut: Einatmen heißt, den Bauch (Unterbauch) locker zu lassen, er wölbt sich nach vor.
Sie sitzen auf einem Stuhl, beide Füße im Abstand von ca. 20 cm voneinander stehen am Boden. Der Rücken ist gerade. Sie lehnen sich an die Sessellehne an. Die linke Hand liegt am Nabel, die rechte Hand liegt auf der Brust. Sie beginnen langsam laut von 10 - 0 zu zählen. Bei "zehn" atmen Sie aus, und die Restluft auf "f" lassen Sie gehen bis Sie keine Luft mehr haben. Der Bauch zieht sich beim Ausatmen von selbst immer mehr ein. Es wird eng im Bauch. Wenn Sie keine Luft mehr haben, schließen Sie den Mund und lassen die Enge im Bauch los. Die Luft wird als Reflex von selbst in Sie einströmen und wird vom Bauchraum auch in den Brustraum aufsteigen. Genauso verfahren Sie mit 9, 8, 7 ... bis 0. Sie können auch die Vorstellung benutzen, dass Sie eine Treppe hinuntersteigen (mit jeder Zahl eine Treppe). Die Zahl sollten Sie nicht stramm und angespannt sagen, sondern mit viel Luft aushauchen.



Am Schluss lesen Sie, wenn Sie wollen, folgendes Gedicht laut:

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

                               (Rudolf Steiner)


Weiterführende Literatur:

Dr. Frank Meyer:
Besser leben durch Selbstregulation
Ein heilsamer Begleiter durch Gesundheit und Krankheit
Info Verlag 2011

Selbstheilungskräfte
Verlag Freies Geistesleben und Urachhaus GmbH
Stuttgart 2017





Kostenlose Lehrbriefe
3. Lehrbrief




Denken erlaubt? - Wiederholte Erdenleben verboten?

Der erste Lehrbrief hat daran erinnert, dass jeder Mensch über ein Gehirn verfügt, mit dem er denken kann oder könnte.

Dieser angestrebte Denkvorgang wird durch eine Atmung erleichtert, die dem Körper in natürlicher Weise eigen ist, die der Mensch aber auch zu seinem Nachteil verändern kann. Die krankhafte Entartung der kombinierten Bauch- und Brustatmung zur alleinigen Brustatmung ist damit gemeint, die dem Gehirn weniger Sauerstoff zur Verfügung stellt. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass Denken nicht allein eine Sauerstoffangelegenheit ist, sondern Bewusstsein erfordert, das durch die körpergemäße Atmung gefördert wird und den Menschen zur inneren Ruhe und Sammlung führt.

Ich behaupte, dass das Denken heute in Verruf geraten ist, weil die Maschine scheinbar schnellere Antworten gibt als tagelanges Reflektieren. Jedoch die Maschine kann kein selbstständiges Denken hervorbringen, das die Domäne des Menschen ist und immer sein wird. Das selbstständige Denken muss wieder erlernt werden, es liegt im Tiefschlaf bei den meisten Menschen verborgen. Das dressierte Denken durch Fernsehen, Computer, Smartphone usw. sein Unwesen treibend, lässt den Menschen auf seinen größten Schatz vergessen: nämlich auf sein eigenständiges Denken und Reflektieren, das zu einem selbstbewussten Handeln führt, dem man nicht aus Zwang vor der Macht des Kollektivs gehorcht, sondern sich als konstruktiver, individueller Teil eines übergreifenden Menschenzusammenhangs begreift. Die Menschheit ist ein großer Organismus, in dem jeder seinen Beitrag leisten kann. Richtig verstandene Globalisierung kann diesen Vorgang unterstützen.

So wie das Herz im Organismus seine spezifische Aufgabe zu erfüllen hat, und es schwerwiegende Folgen hätte, wenn es sich plötzlich dem Diktat der Leber unterwürfe, so müsste jeder Mensch den Mut haben, seinen Platz innerhalb dieses Organismus Menschheit zu suchen und aufgrund seines eigenständigen Denkens zum freien Tun und Handeln zu entbinden. Dieser Gedanke ist zwar noch "Zukunftsmusik", aber die Zukunft beginnt immer im Jetzt. Denken ist nicht nur erlaubt, sondern für ein gelingendes Leben eine Voraussetzung.


Nicht immer war Denken erlaubt!

Wir leben in dem freien Europa, wo sich die Menschen durch langes Ringen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung erkämpft haben und ihr Denken laut aussprechen dürfen.

Wenn man in die Welt blickt, so ist es erschreckend in wie vielen Ländern freie Meinungsäußerung mit dem Kerker oder Tod bestraft wird. Wir haben uns in Europa daran gewöhnt, dass wir uns kein Blatt vor den Mund nehmen müssen, und aus diesem Grund wird wahrscheinlich so wenig Gebrauch davon gemacht zu Hinterfragen und zu Reflektieren.

Am 2. Juli 1592 stand einer, der laut dachte vor dem Inquisitionsgericht in Venedig:

Giordano Bruno, der Freigeist aus dem Dominikanerorden, der seine kosmische Philosophie verkündete, die ein begeistertes Bekenntnis für ein neues Zeitalter darstellte. Sein Denken über das Schicksal des Menschen nach dem Tod bildete darin den Schwerpunkt. Er bekannte sich eindeutig zu dem Glauben an wiederholte Erdenleben. Dieser Umstand kostete ihm sein Leben: Im Jahre 1600 wurde Giordano Bruno auf dem Campo dei Fiori in Rom verbrannt!

Das Leben in seiner Vielfalt ist so bunt, dass niemand gerne an den Tod denkt, und die Wenigsten sich die Frage stellen, was danach folgt. Für die Gestaltung des eigenen Lebens ist die Frage nach der eigenen Weltanschauung aber unabdingbar. Alles hängt davon ab, welches Menschenbild ich in mir entwickelt habe. Als Atheist und Materialist wird es schwerer sein, den eigenen Egoismus in mir in umsichtiges und soziales Handeln umzuwandeln. Begleitet mich in meinem Inneren die Überzeugung, dass jede meiner Taten ihren Ausgleich über viele Leben gesehen hinweg verlangt, so fällt es leichter verantwortungsvolles und umsichtiges Handeln zu praktizieren. Sich um ein Menschenbild zu bemühen ist der Angelpunkt des eigenen Lebensentwurfes.

Inwieweit eine Weltanschauung die Chance hat aus dem eigenständigen Denken zu erwachsen bleibt dahingestellt, weil die Macht der Medien sehr groß geworden ist, so dass es oft schwer ist, der Beeinflussung sich zu entziehen.

Die Übergangszeit, in der wir leben, in der ein "Menschenbild zu entwickeln" Luxus geworden ist, hält auch eine Chance bereit, nämlich sich vom Alten zu befreien, damit Neues entstehen kann. Die Leere auf dem weltanschaulichen Gebiet stellt somit eine Möglichkeit dar, dass Neues unbemerkt wachsen kann. So wie ein altes tibetisches Sprichwort sagt: "Der fallende Baum macht Krach. Der Wald wächst leise."

So soll auch der Gedanke der wiederholten Erdenleben in einer befreiten, neuen Form entstehen, in der der Mensch nicht mehr im Staub vor Gott auf Knien liegt, sondern er auf einer Augenhöhe mit einer transzendenten Kraft agiert. Auf spirituellem Gebiet ist in besonderer Weise ein neues Denken gefragt, das die Basis für alle Lebensbereiche darstellen soll. Nur von dieser Grundlage kann sich eine konsensfähige Ethik und ein spiritueller Humanismus aufbauen. Es steht aber auch fest, dass Neues nicht ganz von alleine entsteht und ein Denken und Ringen mit spirituellen Themen notwendig macht.


Entwürfe des gegenwärtigen Menschenbildes

Die Frage nach dem Menschenbild, das das Leben der Gegenwart bestimmt, lässt sich in drei Richtungen ausloten.

Die häufigste Vorstellung findet ihren Ausdruck in der Annahme, dass der Mensch ein höher entwickeltes Tier ist (Darwinismus). Der Stärkste soll sich durchsetzen. Nach dem Tod gibt es kein Weiterleben, weil der Mensch auf ein einziges Leben reduziert ist, und er im Nichts nach seinem Ableben verschwindet.

Die zweite Variante wird von den vier Weltreligionen Buddhismus, Christentum, Islam und Judentum getragen. Den Menschen erwartet ein Weiterleben ohne physischem Leib nach dem Tod, und irgendwann senkt sich die Gnade der Göttlichkeit über ihn, und er ist von allen seinen Schwächen befreit.

Von diesem Menschenbild haben sich viele Menschen abgewandt, weil sie spüren, dass einem auch im Jenseits nichts geschenkt werden soll, weil Entwicklung des Geistes nur von einem selbst vollzogen werden kann. Was nützt es, wenn man ein Maturazeugnis geschenkt bekommt und nicht Lesen und Schreiben kann. Innerhalb dieser vier Weltreligionen ist der Buddhismus aber die einzige Religion, die davon spricht, dass der Mensch für seine Verfehlungen im Leben geradestehen muss und nichts geschenkt bekommt. Er spricht von Karma in vieler Hinsicht, nämlich, dass jede unangemessene Tat ausgeglichen werden muss. Davon leitet er die Berechtigung der wiederholten Erdenleben ab. Der einzige Wermutstropfen ist, dass der Buddhismus noch von keinem individuellen Wesenskern im Menschen spricht. Der Geist des Menschen kehrt nach vielen Läuterungen und Wiedergeburten als Tier, Pflanze oder Mensch gereinigt ins kollektive Geistwesen zurück.

Die dritte zurzeit in Bewegung gebrachte Gedankenform besteht darin, dass der Mensch nicht nur Körper und Gefühl (Seele) ist, sondern auch Geist, und dieser Geist will oder muss sich aus eigener Anstrengung, wie könnte es auch anders sein, entwickeln. Dass der Mensch ein individueller Geist ist, ist ein uraltes Wissen, das aber im Jahre 869 nach Christus im achten ökumenischen Konzil von Konstantinopel vom Katholizismus abgeschafft wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Mensch auf einen Körper und eine Seele reduziert. Der Illusion der Menschen über sich selbst wurde damit Tür und Tor geöffnet, und der Mensch konnte damit "klein" gehalten werden. Das geht heute nicht mehr, weil der Mensch immer mehr seine Individualität ahnt und durch demokratische Prozesse sein Mitspracherecht auch in spirituellen Dingen fordert.

So kann man sagen, dass ein kleiner Teil der Menschheit schon erwacht ist und sich als ewiger Geist versteht, der sich vervollkommnen will. Dieser Vorgang wurde in den alten Weisheitslehren immer als "Entelechie" bezeichnet. Da Entwicklung keine Angelegenheit eines Crash-Kurses ist, so ist der Glaube an wiederholte Erdenleben eine einsehbare und notwendige Folge.


Beweise?

Eines Tages habe ich entdeckt, dass in der Geschichte der Literatur von den frühesten Anfängen bis ins 20. Jahrhundert Schriftsteller, Philosophen und Dichter eindeutig mit ihrem Wort den Gedanken der wiederholten Erdenleben bezeugen. Eine große Hilfe dazu ist das Sachbuch von Emil Bock "Wiederholte Erdenleben", der sich als Germanist die Mühe gemacht hat deutschsprachige Literatur auf diesen Aspekt hin zu untersuchen. Es braucht nicht betont zu werden, dass der Begriff "Wiederholte Erdenleben" nicht von einem Leben spricht, das ständig wiederholt wird, sondern die ständige Wiederverkörperung des Geistes und des individuellen Wesenskernes darstellt.

Emil Bock: Wiederholte Erdenleben. Verlag Urachhaus - 1996

Hier bin ich fündig geworden, und ich möchte Ihnen seine Ergebnisse als Beweis erbringen, dass dieser Gedanke immer im Menschen gelebt hat, bis eine einseitig orientierte Naturwissenschaft, die Materie und Geist getrennt hat - auch mechanistische Naturwissenschaft genannt, ihn abgeschafft hat. Interessant ist die Tatsache, dass die fortgeschrittene Naturwissenschaft - holistische Naturwissenschaft genannt - die auch unter dem Namen Quantenphysik bekannt ist, dem Gedanken der wiederholten Erdenleben eine Grundlage ermöglicht. Warum ist das so? Wenn die holistische Naturwissenschaft beweist, dass Materie und Geist nicht getrennt sind beziehungsweise beweist, dass es keine Materie gibt, so hat das revolutionäre Folgen für das Denken und Selbstbild des Menschen. Selbst alle großen Naturwissenschaftler haben bei ihrer Erforschung der atomaren und subatomaren Welt die seltsame Wirklichkeit kennenlernen müssen, dass ihnen die Materie zwischen den Fingern zerrann, und die Verbundenheit aller Phänomene in einem komplexen Netz von Beziehungen zur neuen Wirklichkeit wurde.


Quantenphysik

Die Vorstellung, dass sich der Geist eines Menschen immer wieder neu verkörpern kann, braucht eine Voraussetzung, nämlich die Annahme, dass der menschliche Geist unsterblich ist. Wie schon erwähnt gehen alle vier Weltreligionen davon aus, dass der physische Tod nicht das Ende der menschlichen Existenz darstellt.

Interessant ist die Frage, woher die großen Weltreligionen dieses Wissen haben, das mit Sicherheit auf Wahrheit beruht und das man aber nur glauben oder nicht glauben kann. Umso erfreulicher ist es, die Wissenschaft als Helferin heranziehen zu können, um den bis jetzt unbeweisbaren Glauben in Wissen zu verwandeln. Welchen Beitrag kann die Quantenphysik dazu leisten?

Wie schon erwähnt verhält sich diese winzig kleine subatomare Welt der Elektronen und Photonen überhaupt nicht wie die klassische Physik Newtons. Es stellte sich heraus, dass das Atom aus 99,99999..% leerem Raum besteht! Doch dieser Raum ist in Wirklichkeit gar nicht leer, weil er aus Energie besteht. Dieses riesige Spektrum an Energiefrequenzen bildet eine Art unsichtbares, zusammenhängendes Informationsfeld. Wenn jedes Atom aus 99,99999..% Energie und Informationen besteht, dann setzt sich auch das Universum, egal wie fest es uns erscheinen mag, aus Energie und Information zusammen. Wo soll demnach die Trennung zwischen Materie und Geist beheimatet sein?

"Das physische Universum mag aussehen als bestünde es nur aus Materie, doch in Wahrheit benützt es ein gemeinsames Informationsfeld (das Quantenfeld) welches Materie und Energie so eng vereint, dass man sie unmöglich als getrennte Entitäten betrachten kann. Alle Partikel sind in einem immateriellen, unsichtbaren Informationsfeld jenseits von Raum und Zeit miteinander verbunden und dieses Feld besteht aus Bewusstsein (Gedanken) und Energie (Frequenz - Schwingungsgeschwindigkeit)."
Diese Gedanken können Sie nachlesen in:

Dr. Joe Dispenza. Du bist das Placebo. 2014 Kotta-Verlag. S.226

Materie ist durch einen bestimmten niedrigen Schwingungszustand geronnenes Bewusstsein. Zeit und Raum machen es möglich durch niedrigere und langsamere Frequenzen Geist als etwas scheinbar Festes sichtbar zu machen, das wir als Materie bezeichnen. Wenn der Tod die Schwingungsfrequenz der Materie verändert und diese wieder in Bewusstsein zurückführt, und sie somit unsichtbar macht, so heißt das nicht, dass der Geist des Menschen erloschen ist. Nicht jede Bewusstseinsqualität, die auf der Erde erworben wurde kann in der höheren Frequenz des Geistes überleben. Der Mensch muss beim Tod vieles zurücklassen. Es lässt sich also durch die Quantenphysik beweisen, dass der Tod nicht das Ende der Wege des Menschen ist. Nach dem Tod bereist der menschliche Geist das für unser irdisches Auge unsichtbare Universum mit seinen vielfältigen Wesen und Helfern des Menschen. Sein Blick weitet sich für die eigene Unvollkommenheit und so wächst nach einiger Zeit das Bedürfnis wieder auf die Erde zurückzukehren. Zum einen, um seine Verfehlungen auszugleichen, zum anderen, um an der Entwicklung der Erde wieder mitzubauen. Ausführliche Literatur finden Sie dazu z.B. bei:

Rudolf Steiner: Das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. In: Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Rudolf Steiner Verlag. Basel

Wenn Denken erlaubt ist, so ist es absolut einleuchtend, dass eine so hoch entwickelte Spezies wie der Mensch eine ist, nicht nach einem Leben verdampft und für ewig verlöscht. Es wäre pure Verschwendung der schöpferischen Anstrengung, welche die Entwicklung des komplexen Menschen über Millionen Jahre ermöglicht hat. Darüber hinaus strebt alles einem Ziel und einem Sinn zu. Es gibt keinen Stillstand im Universum, alles entwickelt sich weiter und ist ständig in Bewegung. Die Vorstellung, dass der Geist des Menschen nach dem Tod untätig wäre und passiv wartet bis er Erlösung findet, scheidet somit aus.


Dichter und Schriftsteller bezeugen in ihren Werken
den Gedanken der wiederholten Erdenleben

Die Vorstellung vom Wesen des Menschen unterliegt in den einzelnen Menschheitsepochen den unterschiedlichen Gestaltungen. Wenn man die frühen Aufzeichnungen der deutschen Sprache betrachtet, nämlich die Götter- und Heldenlieder der Edda, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wie selbstverständlich die Menschen mit dem Gedanken der wiederholten Erdenleben gelebt haben. So wird zum Beispiel das tragische Schicksal der Brünhilde, darin zum Ausdruck gebracht, dass Hagen die Rache an ihr folgendermaßen auslebt, dass er alles dazu beiträgt, dass sie sich nicht mehr weiter in der Zukunft verkörpern kann. Er spricht diese Fluch ähnlichen Worte aus, die man in der Edda nachlesen kann: "Erfüllen möge sich ihr finsteres Geschick! Verleide ihr keiner den langen Weg, und verweigert sei ihr ewig die Wiedergeburt!" 1

Auch aus der altsächsischen Helianddichtung (Anfang des 9. Jahrhunderts nach Christus) geht hervor, dass der Gedanke der wiederholten Erdenleben ein Bestandteil einer selbstverständlichen Lebensüberzeugung gewesen ist.

"... Er schwindet oder wächst... (es ist der Mond gemeint) ..." So auch tun in dieser unserer Welt, in diesem Mittelgarten die Menschenkinder; sie fahren dahin und folgen; zu Männern wachsen sie heran, bis sie wieder dahingerafft werden." 2

So lebt dieser Gedanke sich auch weiter in Märchen aus, wie zum Beispiel in "Frau Holle", oder auch in "Von den zwölf Aposteln" der Brüder Grimm. Einer der letzten in dem die Volksweisheit der Märchen weitreichend zur Wirksamkeit gelangen konnte war Peter Rosegger (1843-1918). In seinem bekanntesten Buch "Mein Himmelsreich" im letzten Kapitel mit dem Namen "Sonnenschein" heißt es: "Und der Mensch sinkt als Vater zu Grabe. Und steht als Kind wieder auf." 3 Im weiteren Gang der Geschichte ließen sich noch unzählige Beispiele anführen, dass der Gedanke der Wiederverkörperung nichts Außergewöhnliches im Denken dargestellt hat, und von Schriftstellern immer wieder aufgegriffen wurde.

Ein paar Beispiele der großen Denker seien erwähnt, wie zum Beispiel Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). In seinem Werk "Erziehung des Menschengeschlechts" wird das ernste Gewicht spürbar, das Lessing der Idee der wiederholten Erdenleben beigemessen hat. 4

Friedrich Schiller hat in vielen Andeutungen auf die Wiederverkörperung hingewiesen - zum Beispiel lässt der jugendliche Geist Schillers in seiner Dissertation "Erziehung des Menschengeschlechts" aufhorchen, wenn er sagt: 5 "Die Materie zerfährt in ihre letzten Elemente wieder, die nun in anderen Formen und Verhältnissen durch die Reiche der Natur wandern. Die Seele fährt fort, in anderen Kreisen ihre Denkkraft zu üben und das Universum von der anderen Seite zu beschauen. Man kann freilich sagen, dass sie diese Sphäre im Geringsten noch nicht erschöpft hat, dass sie solche vollkommener hätte verlassen können, aber weiß man dann, dass diese Sphäre für sie dann verloren ist? Wir legen itzo manches Buch weg, das wir nicht verstehen, aber vielleicht verstehen wir es in einigen Jahren besser." 6

Ein sehr eindeutiger Hinweis auf wiederholte Erdenleben lässt er seinen Protagonisten Karl Moor in "Die Räuber" aussprechen. Es ist in dem Selbstmordmonolog gegen Ende des vierten Aktes, als Karl Moor dem namenlosen Jenseits die Frage stellt: "Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe zur Vernichtung führen?" 7

  1 Emil Bock: Wiederholte Erdenleben, Verlag Urachhaus, 1996, S.20
  2 Emil Bock S.21
  3 Emil Bock S.28
  4 Emil Bock S.45
  5 Emil Bock S.47
  6 Emil Bock S.47
  7 Emil Bock S.49

Der Ausflug in die Literaturgeschichte soll durch den hoffnungsvollsten Träger der Wiederverkörperungsidee einen krönenden Abschluss finden: Er ist Johann Wolfgang von Goethe gewidmet.

Wenn sich jemand nicht aus Studiengründen mit J. W. v. Goethe beschäftigt oder aus rein persönlichem Interesse, so wird dieser Name kaum weitere Assoziationen wecken. Auch ist das Bild, das viele von diesem großen Dichter haben, ein völlig verzerrtes. Er wird als Schicksalsgünstling angesehen, dem alles in den Schoß fiel. Dem war nicht so! Im Gegenteil: Er kam als Totgeburt auf die Welt, und nur durch Hebammenkunst und durch einen starken Lebenswillen gelang es, ihn ins Leben zu rufen. Im 20. Lebensjahr bedroht eine beängstigend anwachsende tuberkulöse Geschwulst sein Leben, die von einem Wunderheiler kuriert werden konnte. Nicht genug der gesundheitlichen Probleme, die er in jungen Jahren zu überwinden hatte. Als er 21 Jahre alt war erleidet Goethe eine Lungentuberkulose, die gefürchtetste Krankheit des damaligen Zeitalters. Auch diese konnte er überwinden. Dann kehrt langsam Ruhe ein in seinem Gesundheitszustand, der aber immer als äußerst labil bezeichnet werden konnte.

Mit 49 Jahren erleidet er eine fieberhafte Gesichtsneurose, die ihn neun Tage in eine beinahe Bewusstlosigkeit mit Erstickungsgefahr versetzte, die er schließlich wieder bewältigen konnte. Aber ab seinem 52. Lebensjahr konnte sich Goethe seine Gesundheit nie mehr erringen. Er erkrankte an Nierenkoliken und sein tuberkulöses Lungenleiden erwachte wieder. Zusätzlich verbanden sich hypochondrisch-depressive Verstimmungen mit seinem alten Leiden. Mit 74 Jahren stellt sich eine ernste Herzkrankheit ein, die mit schweren Anfällen einherging, und ihn nie mehr verlässt, bis er 83-jährig die irdische Welt verlässt.

Dieser kränkelnde Goethe, der mit den höchsten politischen Ämtern nicht nur voll im Leben stand, sondern auch ein reiches literarisches Schaffen zustande brachte, und der die Dichtung mit Ewigkeitsanspruch, nämlich Faust 1 und Faust 2 verfasste, hat sich am radikalsten von seinen Zeitgenossen zur Lehre der wiederholten Erdenleben bekannt. Wobei der Schluss nicht zulässig wäre, dass die vielen Krankheiten und Schicksalsschläge wie der frühe Tod seiner Frau und der Selbstmord seines Sohnes zu einer Flucht in unrealistische Träume geführt hätten. Goethe stand mit beiden Beinen fest auf der Erde und duldete träumerische Hirngespinste am wenigsten.
Die platonische Beziehung, die der 27-jährige Goethe zu der verheirateten und 10 Jahre älteren Frau von Stein unterhielt, ist geprägt von seinem Lebensgeheimnis, das er in seiner Jugend in sich trug, nämlich dem Gedanken der Wiederverkörperung.
An Charlotte von Stein schreibt er im Juli 1776:

"...Sag, was wird das Schicksal uns bereiten?

Sag, wie band es uns so rein genau?

Ach, du warst in abgelebten Zeiten

meine Schwester oder meine Frau.

Und von allem dem schwebt ein Erinnern

Nur noch um das ungewisse Herz,

Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,

Und der neue Zustand wird ihm Schmerz..."


Charlotte von Stein nimmt diese Gedanken nicht sehr ernst, und diese sind es, die schließlich ihre Verbindung lösen. Diese Anschauungsverschiedenheit lag darin begründet, dass die Erde Frau Stein nicht gut genug erschien, um sie als Schauplatz der Unsterblichkeit betrachten zu können. Noch einmal versucht Goethe in seinem Gedicht "Gesang der Geister über den Wassern" die Freundin für diesen Gedanken zu gewinnen.

"Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder,

Zur Erde muss es,

Ewig wechselnd."


Das Schreiten des Menschenwesens durch die Reihe der Verkörperungen bleibt ihr trotzdem ein fremder Gedanke, der die Entfremdung der beiden nur noch verstärkt. Aber im späten Alter als Goethe und Charlotte von Stein sich wieder befreundet gegenüberstanden, hat sie schließlich doch eine Wendung ihrer Ansichten im Sinne Goethes ausgedrückt. 8

Auch in "Die Wahlverwandtschaften" offenbart Goethe diesen Gedanken sehr unverhüllt. In den bedeutungsvollen Gesprächen im zweiten Teil über den Sinn der Friedhöfe und Grabsteine heißt es: "Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wieder zurückzukehren? Und warum sollten wir nicht wünschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur für ein Jahrhundert wäre..." 9

Am Begräbnistag von Martin Wieland am 25.01.1813 begann Goethe ein denkwürdiges Gespräch mit dem mit ihm befreundeten J.D. Falk, in dem er folgende Worte findet: "Ich würde mich so wenig wundern, ..., wenn ich diesem Wieland, als einem Stern erster Größe, nach Jahrtausenden wieder begegnete und sähe und Zeuge davon wäre, wie er mit seinem lieblichen Lichte alles ... erquickte und aufheiterte. Ich bin gewiss, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal dagewesen und hoffe wohl noch tausendmal wiederzukommen" 10

Was in den alten Weisheitslehren immer schon Gewissheit war und in Vergessenheit geraten ist, nämlich dieser Gedanke der wiederholten Erdenleben, leuchtet bei den genannten Künstlern noch einmal auf, wobei die Zahl derer ein ganzes Buch füllen würde. Ich habe mich nur auf wenige Beispiele beschränkt. Der Gedanke der wiederholten Erdenleben verschwindet allmählich Ende des 20. Jahrhunderts, um von einer anderen Seite im 21. Jahrhundert Unterstützung zu bekommen, mit der niemand gerechnet hat, nämlich von der Naturwissenschaft.

  8 Emil Bock S.73
  9 Emil Bock S.77
 10 Emil Bock S.70




Die Naturwissenschaft als Bahnbrecher für ein spirituelles Weltbild

Der berühmte Physiker Hans-Peter Dürr, Mitbegründer der Quantenphysik Werner Heisenbergs und als dessen Nachfolger er das Max-Planck-Institut für Physik, sowie das Werner-Heisenberg-Institut in München leitete, lehrt uns den Standpunkt der modernen Physik, nämlich, dass es keine Materie gibt, sondern nur Geist, weil die Materie gleichsam die Schlacke des Geistigen ist.

"In unserer begrenzten, menschlichen Wahrnehmung nehmen wir diese Schlacke, da wir sie mit Händen greifen können, jedoch viel wichtiger als das geistig Lebendige..."

"...Die neue Physik hat erkannt, dass die Materie nicht das Fundament unserer Wirklichkeit ist ... Materie besteht also nicht aus Materie."

"Das Fundament der Wirklichkeit enthüllt sich als etwas zutiefst Spirituelles..." 11
Unterstützung erhält der Gedanke der wiederholten Erdenleben von der Quantenphysik insofern, dass naturwissenschaftlich beweisbar wurde, dass es keine Materie gibt, sondern das Fundament der Wirklichkeit der Geist ist. Wenn der Mensch nicht Materie ist, sondern Geist, und dieser Geist eingebettet ist in einem unteilbaren Kosmos, der Verbundenheit zu allen, die ihm angehören zum Gesetz hat, dann ergeben sich weitreichende Möglichkeiten der Entwicklung für den Menschen.

Nach dem Tod verschwindet der Geist der Menschen nicht, er kann gar nicht verschwinden, weil er unauflösbar im Transzendenten, das eine Einheit und keine Zweiheit (Materie und Geist) ist, verankert ist. Es ist nicht anzunehmen, dass er in dieser Einheit zum Nichtstun verurteilt ist. Als Teilhabende an diesem Kosmos der Einheit, erwächst uns auch die Verantwortung für diese Welt, die uns immer wieder als aktiv Gestaltende der Zukunft auf die Erde zurückruft.

11 Hans-Peter Dürr: Teilhaben an einer unteilbaren Welt. Das ganzheitliche Weltbild der Quantenphysik.
    In: Gerald Hüther und Christa Spannbauer (Hrsg.), Connectedness. 2012 Verlag Hans Huber Bern

Der neunzehnjährige Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) hat diesen Gedanken in poetischer Form folgendermaßen ausgedrückt:

"Wie oft wohl bin ich schon gewandelt

auf diesem Erdenball des Leids,

wie oft wohl hab ich umgewandelt

den Stoff, die Form des Lebenskleids?


Wie oft mag ich schon sein gegangen

durch diese Welt, aus dieser Welt,

um ewig wieder anzufangen,

von frischem Hoffnungstrieb geschwellt?


Es steigt empor, es sinkt die Welle,

so leben wir auch ohne Ruh;

unmöglich, daß sie aufwärts schnelle

und nicht zurück - dem Grunde zu."










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4. Lehrbrief

Die Täuschung über den Tod durchschauen

Geburt und Tod sind die beiden Ereignisse im Leben, die uns ausnahmslos mit jedem Menschen gemeinsam sind. Keinem Menschen bleibt der Tod erspart. Von der Geburt weiß unser Bewusstsein wenig, hingegen die Unabdingbarkeit von Tod und Sterben dem Bewusstsein nicht verborgen bleiben können.

Wenig weiß der Mensch von seiner Kindheit. Erst wenn die Selbständigkeit erwacht und das Selbstbewusstsein um sich greift, um die Möglichkeit zu geben selbst gestaltend das Leben in die Hand zu nehmen, erwacht auch die lebenslange Erinnerung daran. So werden dem Menschen viele Jahrzehnte geschenkt, in denen er sich als Gestalter und uneingeschränkter Herrscher über sein Leben erleben kann und möchte. Hie und da funken Schicksalsschläge herein, die daran erinnern, dass vielleicht doch noch eine übersinnliche Macht - eine Transzendenz - am Leben des Menschen beteiligt sein könnte, aber diese wird nicht in dem Sinne vom Menschen gedeutet. Zufall nennt er es, obwohl es keine Zufälle gibt.

Umso älter der Mensch wird, umso mehr muss er seine Selbstbestimmung wieder aus der Hand geben: Wer kann das Altern aufhalten, wer kann sich Krankheiten aussuchen, wer kann den Zeitpunkt seines Todes bestimmen? Eine Fülle von Unberechenbarkeiten stürzt plötzlich auf den Menschen ein. Was ist naheliegender als zunächst einmal diese Störenfriede zu verdrängen; diesen Weg wählen viele Menschen. Der Mensch ist überfordert, weil er nur ein materialistisches Weltbild, das ihm keine Antworten darauf gibt, in sich vorfindet.

Was tun wir nicht alles um dem Tod zu entfliehen? Kein Zeitalter hat den Tod so perfekt verdrängen können, wie das unsere. Man stirbt ungesehen in Spitälern, oder man verlagert das geplante Sterben nach Holland oder in die Schweiz, wo Sterbehilfe gang und gäbe ist. Fast jeder Mensch empfindet es als die größte Niederlage, so scheint mir, vor dem Tod in die Knie zu gehen und aufgeben zu müssen.

Die alten Weisheitslehren behaupten, dass der Tod das erhabenste und glücklichste Erlebnis des Menschen im Leben darstellt, weil der Sieg des Geistes über die Materie erlebbar wird. Wenn der Mensch seinen Leib ablegt, merkt er plötzlich, dass sein Geist überlebt hat, und das ist der größte Triumph, den der Mensch erleben kann. Er ist unsterblich, ewig, es kann ihn nichts vernichten.
Das alles klingt zugegebenermaßen eher nach einer Provokation, als nach Wahrheit. Viele Menschen verwenden daher den beliebten Satz: "Es ist noch keiner aus dem Jenseits zurückgekommen und hat uns erzählt, dass wir unsterblich sind." Trotzdem haben die Weisheitslehren von früher um die Täuschung über den Tod gewusst. Wieso gibt es zu verschiedenen Zeiten und Menschheitsepochen verschiedene Einstellungen zum Tod? Der Mensch des heutigen Zeitalters glaubt alles zu wissen und alles unter Kontrolle zu haben. Er weiß aber im Grunde gar nichts, weil er das spirituelle Weltbild aus seinem Leben verdrängt hat. Die Folgen sind fatal.

Ich glaube, es ist eher das Sterben, als der Tod, das die eigentlichen Ängste verursacht. Meistens ist das Sterben mit viel Leid und Schmerz verbunden, obwohl die heutige Medizin, die Schmerzlinderung betreffend, uns sehr hilfreich zur Seite steht. Das Sterben ist mit den Geburtswehen vergleichbar, und diese sind bekannterweise sehr schmerzhaft. Der entscheidende Punkt liegt darin, dass der Mensch auf das Sterben und den Tod nicht vorbereitet ist. Die Täuschung, die das materialistische Weltbild erzeugt, trägt das Ihre dazu bei. Ein total verängstigter Mensch bewegt sich auf das wahrscheinlich wichtigste und höchste Ereignis in seinem Leben zu, nämlich den Tod, aber ein von sich selbst betrogener Mensch steht vor uns.

Wissen und Aufklärung führt zum Erkennen des wahren Sachverhaltes. Darum geht es in diesem Lehrbrief. Ich habe mein Wissen aus den Büchern von Rudolf Steiner bezogen, die jedermann zur Verfügung stehen. Bislang gab es kaum einen Autor, der so genau und ausführlich den Weg der Seele nach dem Tod in den übersinnlichen Welten in einer Vielzahl von Büchern beschrieben hat.

Das Sterben ist im Vergleich zur Geburt ein höherer individueller Vorgang. Jeder Mensch stirbt auf seine eigene Weise, obwohl wir es nicht bewusst wählen können. Ausgenommen ist der Selbstmord. Im natürlichen Sterben haben wir mit der Natur viele Gemeinsamkeiten: Wir welken langsam dahin wie die Blätter im Herbst. Langsam heißt die Devise, das Leben zieht sich langsam zurück und verlangt vom Betroffenen, dass er die Selbstherrlichkeit seiner vergangenen Jahre umwandelt in Hingabe an seine transzendente Kraft, die mehr weiß als er selbst. Das Nichtwissen um das Eintreten des Todes ist das größte Geheimnis des Lebens, dem der Mensch keine Aufmerksamkeit schenkt, weil die Angst davor so groß ist.

Die wichtigste Frage lautet daher, wie der Mensch in dieser Lebensphase als Gewinner hervorgehen kann, indem er Erfahrungen macht, die ihn bereichern. Das erste ist, sich als Täter und nicht als Opfer zu fühlen. Was heißt das?

Der 3. Lehrbrief hat gezeigt, dass mehrere, viele, unendlich viele Leben an der Entwicklung des individuellen Geistes arbeiten. Nicht aus Zufall betreten wir ein neues Leben. Es wird in der übersinnlichen Welt lange von einem selbst mit Hilfe der geistigen Welt vorbereitet. Welche irdischen Bedingungen, welches Elternpaar ermöglichen es, der Seele am besten ihre nächsten Stufen der Entwicklung zu erreichen? Die Seele wird zu nichts gezwungen, sie kehrt freiwillig auf die Erde zurück, um an sich und der Erde zu arbeiten. Vor dem Eintritt in den Mutterleib überschaut sie das Leben, das sie erwartet und das sie gewählt hat. Sie ist Täter und nicht Opfer des Bevorstehenden. Das bedeutet auch, dass sie einmal zugestimmt hat, wie sie ihr Leben beenden wird. Jeder Mensch kann sicher sein, dass das Leid oder das langsame Sterben von ihm gewählt war, zumal solche Umstände oft viele Lernmöglichkeiten enthalten. Diese vorgeburtlichen Willenskräfte liegen aber tief im Menschen verborgen und er erinnert sich kaum daran, weil der irdische Wille an deren Stelle tritt, mit dem der Mensch das tägliche Leben meistern muss. Trotzdem ist der vorgeburtliche, unbewusste Willensimpuls stärker, er führt unbewusst durch das Leben. Zugegebenermaßen sind solche Gedanken nicht leicht zu verstehen, aber sie sind wahr. Es wird notwendig werden, den Begriff der Wirklichkeit nicht nur von der irdischen Seite zu erforschen, sondern auch die andere Seite, die nicht sichtbare Welt miteinzubeziehen.

Im Moment erfassen wir mit unseren üblichen Gedankengängen nur die eine Hälfte der Wirklichkeit, nämlich jene, die mit Händen greifbar ist. Die Probleme des einundzwanzigsten Jahrhunderts stellen die Menschheit vor unlösbare Aufgaben, wenn sie ihr Denken in Bezug auf die Wirklichkeit nicht ändert. Dieses gängige Wirklichkeitsbild ist bis in den Grund hinein falsch. Aber woher soll der Mensch seine Informationen über diese zweite Hälfte der Wirklichkeit, nämlich die der übersinnlichen Welt- einer Welt, die nicht mehr mit den physischen Sinnen erfahrbar ist, beziehen? Vorsicht geboten ist bei allen Praktiken, die mit "Tischerlrücken" zu tun haben. Bei diesem Vorgang werden verstorbene Menschen angerufen. Auch ist dem "Channeling" gegenüber höchste Wachsamkeit angesagt. Der einzig seriöse Weg geht über das denkerische Erfassen der übersinnlichen Welt mit Hilfe von Information. Aus diesem Grund kann ich nur wieder auf das Werk von Rudolf Steiner hinweisen, der durch lange Schulung ein übersinnliches Schauen in sich entwickelt hat. Der andere Informationsweg führt über die Naturwissenschaft und steht dem heutigen, modernen Menschen als Einstieg zur Verfügung.

Wenngleich die alten mystischen Religionen schon immer gelehrt haben, dass es keine Dualität gibt, sondern nur eine Einheit, "Advaita" genannt, die Menschheit hat es vergessen. Jetzt im 21. Jahrhundert wird sie wieder erinnert an diese uralte Weisheit, nämlich von einer Seite, die niemand vermutet hat: von der modernen Naturwissenschaft, der Quantenphysik. Auch hier gibt es keine getrennten Teilchen, die für sich selber bestehen könnten. Das Gesetz der Einheit regiert auch dort. Aus diesem Grund wird der Mensch die beiden Teile sinnlicher und übersinnlicher Welt wieder zusammenführen müssen, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. (Genauere Ausführungen im Lehrbrief 3) Wenn der Tod die sinnlichen, sichtbaren Bausteine des Leibes in unsichtbare überführt, aus denen der Leib entstanden ist, so kann es nicht mehr gültig sein diesen übersinnlichen Teil für null und nichtig zu erklären.

Die zweite Hälfte der Wirklichkeit muss beim Verschwinden der sinnlich sichtbaren Anteile des Leibes mitgedacht werden, weil sie vorhanden ist. Meistens fühlt der Mensch sich in der Sterbephase wertlos, weil sein Leib hinfällig geworden ist, und die Aussicht auf den Tod verleiht ihm ein Gefühl der Wertlosigkeit. Dem ist aber nicht so. Die Geistesforschung weiß, dass der Leichnam des Menschen - egal ob durch Verbrennung oder durch eine Erdbestattung - wertvolle Kräfte enthält, ohne die die Erde nicht überleben könnte! Wieso ist das möglich?

Bei der Geburt baut der Mensch aus den Bausteinen der Erde und aus der Erbsubstanz seiner Eltern seinen physischen Leib auf, und dieser gewinnt eine Form. Dieser physische Leib bringt bereits Anlagen zu unsichtbaren, feinstofflichen Körpern mit, die Ätherleib, Astralleib und ICH (nicht Ego) genannt werden. Diesen physischen Leib durchdringt der Mensch in seinem Leben mit seiner Seele und seinem Geist mithilfe der feinstofflichen Körper. Am Ende des Lebens hat er ein Gefäß daraus gemacht, das ganz und gar durchdrungen ist von seiner geistigen Substanz, die er dem Leben abringen konnte. Dieselbe schenkt er bei seinem Tod der Erde. Die Erde kommt mit dem Leichnam gar nicht direkt in Berührung. Auch die Asche ist in einer Urne und zeigt keine physische Berührung mit der Erde. Es ist ein total übersinnlicher Prozess, der stattfindet, wenn die Erde die Information des Leichnams mitgeteilt bekommt und aufnimmt. Eine wesentliche Rolle spielen bei diesem Vorgang die genannten feinstofflichen Leiber, die ihren kostbaren Inhalt freigeben, wenn sie sich vom physischen Leib gelöst haben.


Diesen Vorgang können Sie nachlesen in: Rudolf Steiner "Alt werden", Ausgewählte Texte, herausgegeben und kommentiert von Franz Ackermann, Rudolf Steiner Verlag, Basel 2018.

In diesem Nichtwissen über den übersinnlichen Vorgang lässt sich schon erahnen, dass wir eine total eingeschränkte Sicht auf die Wirklichkeit haben.

Die Quantenphysik bestätigt die genannten Ergebnisse der Geisteswissenschaft und nimmt zu diesem Vorgang folgendermaßen Stellung:

"Angesichts des Endes des Dualismus zwischen Materie und Bewusstsein bzw. Geist durch die Quantenphysik liegt es nahe auch für existenzielle Tiefenerfahrungen, sowie spirituelle und religiöse Erfahrungen einen passenden Platz im komplexen Gefüge unseres Daseins zu suchen."

"... alle Bewusstseinsvorgänge sind mit einem dichten, unser ganzes Universum durchdringenden Netz elektromagnetischer Wellen eingebettet und unser Weltall ist erfüllt von einem immensen, pulsierenden, ineinander schwingenden Komplex von Energiefeldern. Photonen als Informations- und Bewusstseinsträger sind ein naturwissenschaftliches Faktum."



Nachzulesen sind diese Gedanken in:

Frido Mann und Christine Mann "Es werde Licht" Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik. S. Fischer Verlag, 3. Auflage, Juli 2017, S. 190

Es wird höchste Zeit dem Menschen seine wahre Bedeutung zurückzugeben, die er an der Entwicklung der Erde und an sich selbst zu erfüllen hat. Er wird sich dann der Verantwortung bewusst werden und sein zerstörerisches Werk an der Erde beenden, weil er weiß, dass er sich damit nur selbst vernichtet und darüber hinaus die Erde.

Das alte Menschenbild muss abgelöst werden von einer realistischen, aufgeklärten Sicht auf den Menschen und es soll dem Menschen seinen wahren Wert wieder bewusst machen. Der Mensch ist ein Geheimnisträger. Diese Geheimnisse verlangen Wissen, Verehrung, Staunen und Begeisterung, um die menschliche Größe der Seele wieder zu erkennen und zu würdigen.

Dieses berichtigte, geistorientierte Bild von einem Menschen lässt auch Sterben und Tod in einem anderen Licht erstehen: Der Mensch ist kein wertloser Klumpen Fleisch wenn er stirbt, sondern ein wertvolles Gefäß, angereichert mit der Fülle seiner Lebenserfahrungen. Diesen kostbaren Inhalt übergibt er der Erde bei seinem Tod, und ohne diese könnte die Erde nicht überleben! Dann tritt der Mensch seinen Weg in die übersinnliche Welt an, um mit diesen körperlosen Erfahrungen sich wieder einen neuen Körper zu bauen. Der Kreislauf beginnt von neuem, er wird wieder geboren, um seinen Wesenskern, sein eigentliches ICH - nicht sein Ego weiterzuentwickeln und um der Erde zu dienen, bis er einst als hoch entwickelter Geist der Liebe selbst als Schöpfer am Weiterbau des sich ständig entwickelnden Universums teilnehmen kann. Das Ebenbild Gottes wird sich damit verwirklichen. Gibt es eine schönere Aussicht auf den Sinn des Lebens und Sterbens als diese?


Wir verlieren nicht
etwas im Sterben, wir
gewinnen etwas, wir gewinnen
das ganze Universum zurück,
das hinter unserem Ich verborgen
liegt. Wir gewinnen Gott ganz
zurück, unverstellt vom Ich.

                                Willigis Jäger


Weiterführende Literatur:

Franz Ackermann (Herausgeber):
"Alt werden" Ausgewählte Texte von Rudolf Steiner.
Rudolf Steiner Verlag, Basel 2018.

Frido Mann, Christine Mann:
"Es werde Licht" Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik.
S. Fischer Verlag, 3. Auflage, 2017.

Hans-Peter Dürr:
"Geist, Kosmos und Physik" Gedanken über die Einheit des Lebens.
Crotona Verlag, 9. Auflage, 2016.

Hans-Peter Dürr:
"Es gibt keine Materie" Revolutionäre Gedanken über Physik und Mystik.
Crotona Verlag, 7. Auflage, 2018






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5. Lehrbrief




Wenn jeder nur an sich denkt, ist an alle gedacht?

Das Bild, das der Mensch von sich und der Welt hat, ist einem ständigen Wandel unterworfen. Noch vor 150 Jahren z.B. hat der Mensch andere Erfahrungen mit sich und der Welt gemacht und seine Fragen waren verschieden von denen im heutigen 21. Jahrhundert. Egal in welcher Evolutionsstufe sich ein Mensch erlebt, die Frage nach dem Sinn seines Lebens und nach dem Sinn der Vorgänge in der Welt wird immer vorhanden sein.
Welchen Sinn sieht der Mensch heute in seinem Leben? Das ist immer auch eine Frage, die individuelle Antworten hervorbringt. Trotzdem gibt es in jedem Zeitalter einen gewissen Trend, der die Sinnfrage der Menschen über sich und die Welt mitgestaltet.
Der einschneidende Unterschied zu früheren Zeitaltern ist das veränderte Verhalten des Menschen zum Transzendenten, Spirituellen.
Die Suche nach der Mündigkeit und dem Freiheitsstreben geht heute so weit, dass jegliche Bindungen an Metaphysisches abgestreift wurden. Zu lange musste der Mensch unter der Knechtschaft von Kirche und Staat leben und sich fügen und "klein machen". Solche Lebensformen sind heute nicht mehr angemessen.
Der Mensch erfährt sich durch die Fortschritte der Technik und der digitalen Revolution als Herr über die Erde. "Macht euch die Erde untertan", wird aber leider völlig falsch gedeutet. Die Ausbeutung der Erde, der Tiere und Pflanzen war damit nicht gemeint, sie geht aber so weit, dass der Mensch bereits an dem Ast sägt, an dem er sitzt. Er sieht die Tiere und Pflanzen, Steine und Rohstoffe als Dinge, die er zu seinem Nutzen in wie er meint nie enden wollenden Profit verwandelt. Wie konnte so ein Irrtum um sich greifen und solche Verbreitung finden?
Eine schwere Krise hat das Innenleben der Menschen erfasst. Sie geht so weit, dass der Mensch vergessen hat, dass er eine Seele, ein Innenleben hat, das darauf wartet seine Reichtümer und Geheimnisse zu zeigen. Die Faszination der Außenwelt durch Computer, Handy, Smartphone... ist so groß geworden, dass man lieber auf diese Bilder starrt, die ohne eigenes Zutun ins Gehirn geliefert werden, als die Abenteuer in der eigenen Seele zu suchen. Die Seele und das Innenleben sind ausgetrocknet und geschrumpft zum leblosen unsichtbaren Klumpen. Was bleibt dem Menschen daher übrig als im Außen sich übermäßig zu engagieren? Die Folge dieser Entwicklung ist, dass der Mensch die Anbindung an die Ethik und an ein spirituelles Weltbild völlig aus den Augen verloren hat. Wem gegenüber muss er sich dann noch verantworten? Niemandem gegenüber! Er nennt es Freiheit.
Das Wort "Klimawandel" ist zum Schlagwort geworden und kursiert in aller Munde, obwohl die wenigsten um das wirklich dramatische Ausmaß der Zerstörung der Erde Bescheid wissen. Wenn in 12 Jahren die CO2-Emmision nicht drastisch gesenkt ist, wird die Natur ohne auf den Menschen Rücksicht zu nehmen ihren Gesetzen des physikalischen Ablaufs folgen, den der Mensch in Gang gebracht hat. Es ist die Tat einiger Verrückter, die glauben, dass sie Geld einmal essen werden können. Auf dem Rücken von Milliarden von Menschen toben sich einige wenige mächtige Konzerne aus: Sie wollen nur eines - Profit und Geld.
Es ist erstaunlich wie viele Menschen dagegen schon aufstehen. Die Medien berichten wenig von ihnen, aber sie sind weltweit tätig.
Was kann jeder von uns dazu beitragen, der sich nicht Umweltaktivist nennt, obwohl er im Inneren einer ist?
Der Beitrag jedes einzelnen Menschen wäre das Effektivste was man sich vorstellen kann: z.B. kein Fleischkonsum mehr! Die Rinderherden, wofür die Regenwälder abgeholzt werden, hätten keine Aufgabe mehr. Es würde schon ein stark reduzierter Fleischkonsum helfen. Leider steht Österreich in Europa an erster Stelle mit dem Fleischessen, allen Tieren voran wird Fleisch vom Schwein bevorzugt. Sind aus dieser Tatsache die vielen Krankheiten erklärbar? Bekanntlich enthält Schweinefleisch den höchsten Antibiotika-Anteil!
Es wäre ganz einfach den globalen Wahnsinn zu beenden, wenn Menschen nicht nur die Ernährungsgewohnheiten, sondern ihren Lebensstil ändern würden, nämlich die Rückkehr zu einem einfachen Leben. Ein einfaches Leben heißt aber nicht, dass man in Armut leben soll. Es heißt nur mit dem Eilen von Sensation zu Sensation, mit dem Reisen von Stadt zu Stadt und von Vergnügen zu Vergnügen aufzuhören. Die unbeschäftigte Seele muss wieder Nahrung bekommen, die ihre Innerlichkeit stärkt. Der Dialog, das Gespräch und das Interesse für das Gegenüber, für den Mitmenschen, das sich nicht gleich erschließt, muss wieder gepflegt werden. Der einfache Lebens- Stil, der mit weniger Geschwindigkeit auskommt, der sich nicht darüber definiert, was ich mir alles leisten kann und in welchem Ort ich meinen Urlaub verbringe, soll wieder ein neues Gewicht im Leben bekommen.
Wir müssen Lebensstile entwickeln, in denen wir der großen Verschwendung Einhalt gebieten, um die Lebensbiosphäre nicht in Gefahr zu bringen. Wir könnten mit weniger Energie auskommen, würden wir nicht andauernd die Schnelligkeit, mit der wir heute alles machen wollen, steigern. Aber wer legt sich schon freiwillig diesen Lebensstil auf? Ethische Gründe werden es wahrscheinlich nicht sein, sondern erst dann, wenn alle Flüssen vertrocknet und alle Seen versiegt sind, wird der Mensch erkennen, dass er Geld nicht essen kann.

Johannes Urzidil:

Auf welche Weise stirbt der Mensch?
Indem sein Herz aufhört zu schlagen; und das ist wohl die bekannteste Art.
Oder auch indem er wird wie die anderen; -
So sterben viele und man hat des nicht acht, sie selber merken es oft
nicht das ganze Leben lang, nur vielleicht einmal spät steigt es ihnen
sekundenhaft auf, aber sie streifen es ab wie ein Stäubchen am Kleid.
-
Wenn man sich's auswählen könnte, da weiß man's nicht, und wenn
man's weiß, hat man die Wahl nicht mehr.
Dies ist die Regel.

Der düstere Ausblick soll nicht das letzte Wort sein, weil der Wandel ist immer am Werk und nichts bleibt wie es ist. Auch der Mensch wird sich in seiner Weltsicht wandeln. Er wird zurückfinden zu einem metaphysischen Weltbild. Menschen haben sich in der Vergangenheit immer an eine geistige, ihnen übergeordnete Instanz gewandt und dieser vertraut. Wenn die Menschheit diese Sinnkrise überwindet, dann wird sie gestärkt daraus hervorgehen, nämlich mündiger, selbstbewusster und freier. Der Wald wächst eben leise, aber er wächst!


Soziale Substanz gesucht
Text aus dem Roman "Unsichtbar" von Mara Janisch

Wie stellt sich die Welt von der Perspektive eines Fußes aus gesehen dar? Nur Beine, die in Füßen stecken, und diese in fast gleich aussehenden Sport- und Laufschuhen? Von einigen Ausnahmen abgesehen bietet sich solch ein eindimensionaler Anblick dar. Darüber hinaus sind sie alle rastlos und nervös unterwegs. Es empfiehlt sich dieses Wahrnehmungsexperiment eher am Abend durchzuführen, zumal die strampelnden und hitzigen Beine in Venedig tagsüber sich auf durchschnittlich zweihunderttausend beziffern und eher einem Ameisenhaufen gleichen, der schwindelerregende Zustände erzeugt. Die Touristen haben es am eiligsten, aber die spärlichen Einwohner Venedigs, auf sechzigtausend zusammengeschrumpft, haben es noch eiliger, um nicht von dem Touristenstrom zermalmt zu werden. Ein unaufhörliches Getrippel und Getrampel als wäre ein mechanisches Laufwerk eingeschaltet zwingt alle Beine in die Rastlosigkeit. Verschiedene Rhythmen trommeln sich in den Boden, und kein Fuß weit und breit, der tastend sein Terrain befragt, ob nicht auch der Himmel zur Erde gehört. Spiegelt er sich vielleicht doch irgendwo auf der Erde, versteckt unausgelotet wartend, dass er entdeckt werde? Wer würde schon die Antwort hören, geschweige denn verstehen? Man kommt ja nicht nach Venedig um Tastübungen zu absolvieren. Aber was ist denn das?

Füße verirren sich in das übliche Getrampel! Fragende Füße kommen zum Vorschein, die ins Gespräch mit dem geduldigen Boden versunken sind. Sie haben es nicht eilig. Seltsam! Sie bleiben stehen, verharren kurz und setzen ihren Weg weiter fort. Diese Füße fallen in ihrer Zielorientiertheit auf, kein Schritt ist zu viel und keiner zu wenig im Vergleich zu den unruhigen, nicht so recht wissenden, haxelnden Beinen, die ihre Richtung immer wieder ändern, weil sie vielleicht doch irgendetwas versäumen könnten. Dieser ruhende Pol in dem allgemeinen Wirrwarr scheint fast zu stören. Die rechte Gewichtung ist verrutscht, weil Mobilität in jeder Hinsicht als hoher Wert gilt, selbst wenn sie in Hast und Nervosität ausartet. Die Wirrwarr- Beine haben sich durchgesetzt und ihre Besitzer überzeugt, dass sie ihnen folgen müssen. So tobt sich Unbewusstheit aus, bis sie auf ein Hindernis stößt! "Wir tragen Ruhe in uns", sprechen die anderen Füße und kümmern sich nicht um die nervösen Beine. Welch eine absurde Situation! So kann man froh sein, dass der Verkehr in Venedig auf dem Wasser stattfindet, um den aufgeregten Beinen eine Pause zu gönnen. Aber wem gehören diese auffallend ruhigen Beine? Sie stecken nicht einmal in Sportschuhen? Diese Füße sind in Venedig nicht mehr unbekannt, man nennt sie spöttisch "die Ruh-ler".
Ja, sie sind niemals in Eile oder Hektik. Wieso das? Sie gehören der Hochschule "Ascolta" an, und sie tragen ein zukünftiges Menschenbild in sich, und dieses wollen sie auch leben und vorzeigen ohne in Äußerlichkeiten oder Fanatismus zu verfallen. Das war eine Bedingung für ihre Aufnahme, dass weder Hochmut, noch Überhebung Andersdenkenden gegenüber ausgedrückt werden darf, im Gegenteil, ihr Tun und Wirken soll nicht von Radikalität geprägt sein, und ihre Beschäftigung mit zukünftiger Lebensgestaltung soll kein Besserwissen, Arroganz oder Intoleranz hervorbringen. Sollten die Studenten dennoch davon ergriffen werden, so ist Arbeit an sich selbst angesagt, und nur in ihrem Inneren dürfen sie diese unerwünschten Eigenschaften bewegen, wenngleich innerhalb ihrer Gruppe diese Versuchungen durchaus zur Sprache gebracht werden sollen, um damit besser umgehen zu können. Diese dreißig Frauen und Männer haben schon alle eine Berufsausbildung hinter sich und darüber hinaus auch eine Berufserfahrung absolviert. Sie sind alle unter dreißig Jahren jung, und sie haben ein Menschenbild verinnerlicht, das nicht so oft anzutreffen ist. Unter anderem zeigt es sich darin, dass sie noch nie mit einem Smartphone oder einem Handy in der Öffentlichkeit angetroffen wurden, obwohl jeder von ihnen ein Handy besitzt, um es in notwendigen Situationen einzusetzen. Im Allgemeinen bemühen sie sich aber ohne Handy auszukommen, weil sie sich lieber mit ihrem Gesprächspartner verabreden anstatt stundenlang ihr Ohr durch das Handy zum Glühen zu bringen. Ihr vernünftiger Umgang mit der digitalen Welt, namentlich sie als sinnvolle Hilfe für die Lebensbewältigung in Anspruch zu nehmen, ohne zu deren Sklaven zu werden, ist nur ein Beispiel für ihr Menschenbild, das sich sicher noch differenzierter darstellen wird.
Die Plage der Venezianer mit den Touristen, die mittlerweile zu einer Überlebensfrage geworden ist, nämlich "Wie kann man in dieser Stadt noch ein lebenswertes Leben führen, ohne sich zu Hause vor den Touristen in Sicherheit bringen zu müssen?", kommt den "Ruh- lern" sehr zugute.
Die Venezianer sind froh, einmal keine Touristen zu orten, und es erfüllt sie sogar mit Interesse, dass junge Menschen so vorbildhaft neue Werte hier zur Schau tragen. Natürlich gibt es auch solche, die diesem Verhalten nichts abgewinnen können, und dieses ihr Misstrauen weckt. Die spärliche Jugend, die es noch in Venedig gibt, scheint durch die "Ascolta-Studenten" neue Nahrung zu bekommen, und so ist das Café "ascolta" ein beliebter Treffpunkt geworden, wo heiße und erbitterte Diskussionen mit den "Ruh-lern" geführt werden. Man meint noch im 20. Jahrhundert zu sein, wo man noch diskutiert und gestritten hat und Gesprächskultur ausgelotet hat, und so entwickelt sich das Café "ascolta" zum Übungsplatz dieser Diskussionen. Wenig Verständnis ernten die Studenten dafür, dass sie nicht aus der Ruhe zu bringen sind, oder jedenfalls so tun, als ob es so wäre. Der Ehrgeiz einiger Jugendlicher ist es, sie zu provozieren, und so warten schwierige Lernaufgaben auf die Studenten. Die "Ruh-ler" haben nämlich geladen, weil sie das Stimmungsbarometer ausloten möchten. Die Zuschriften auf ihrer Website signalisieren viel Zustimmung, aber man kann ja nie wissen! Es ist die erste öffentliche Einladung, die sie aussprechen seit sie in Venedig sind. Es geht um das Thema "Wie wir die Welt sehen - unser Menschenbild" - die Studenten der Hochschule "Ascolta" stellen sich der Diskussion.
Heute scheint eine besonders schwierige Aufgabe auf die Studenten zu warten, zumal auch Menschen anwesend sind, die es auf Provokation abgesehen haben. Die Urheberin dieser Aktionen ist Lucia, eine Frau von ca. dreißig Jahren. Da sie mit ihren erotischen Annäherungsversuchen an Ettore, dem Leiter und Initiator der Hochschule gescheitert ist, so tobt die Rache in dieser Frau. Sie hat einige junge Burschen angeheuert, damit sie die Argumente der Hochschulstudenten aufs Schärfste kritisieren und lächerlich machen sollen. Sie ist auch anwesend, um dieses Spektakel mit Genugtuung zu verfolgen. So verspricht dieser Abend einiges an Spannungen.
Die Einladung der Studenten der Hochschule hat Interesse erweckt. Dicht gedrängt sitzen die Neugierigen und warten auf den Beginn. Da trotz der zusätzlich notdürftig hereingestellten Stühle alle Sitzplätze besetzt sind, so erhebt sich eine Studentin der Hochschule - sie lächelt und signalisiert, dass die Veranstaltung beginnt, dann wendet sie sich schließlich an das Publikum:
"Ich will es nicht zu förmlich machen - ich möchte euch einmal begrüßen und euch verraten, wie sehr es uns freut, dass unsere Anwesenheit in Venedig nicht ohne Resonanz geblieben ist. Vor allem durch die Tatsache, dass man uns auf irgendeine Weise erkannt hat. Wir haben uns ja kein Schild umgehängt! Manche sagen, dass man uns durch unser Schuhwerk erkannt hat! Schlussfolgerungen solcher Art interessieren uns natürlich sehr! Genauer gesagt heißt es, dass wir keine Sportschuhe tragen, und dieser Umstand uns verraten hätte. Darüber würden wir heute auch gerne mehr erfahren, aber das soll nicht das Hauptthema sein", scherzt sie.
"Manche meinen, dass sie uns daran erkannt haben, weil wir uns so wenig hektisch, nämlich so ruhig und konzentriert bewegen und dadurch Aufmerksamkeit erregt hätten. 'Das können nur Studenten sein, die haben nichts zu tun!', hieß es. Jedenfalls werden wir aufgrund dessen 'die Ruh-ler' genannt. Das finden wir ja wirklich originell! Wir hatten ja schon des Öfteren Gelegenheit Gespräche in den engen Calli von Venedig zu führen, was auch den Vorteil hat, dass gleich mehr Menschen von unseren Gesprächsinhalten erfahren. Ich kann euch beruhigen, auch wenn wir uns bemühen Ruhe zu bewahren, wir haben auch einiges zu tun und zu ausführlichen Gesprächen hat die Zeit nicht gereicht. So dachten wir, wir wollen euch einmal zu einem Gespräch einladen, und wie man sieht, habt ihr Interesse daran. Danke für die Plakate, die in der Stadt angebracht sind, wir haben uns gefreut, dass unser Treffen hier im Café "ascolta" sogar beworben wurde. Für diejenigen, denen die Plakate entgangen sind, möchte ich diesen witzigen Text vorlesen, der unter anderem Stoff für unsere Gespräche sein kann.

'Die Ruh-ler in Venedig
gemächlich über gemächlich
so jung und schon so alt?
Im Inneren so kalt!
Nichts bringt sie aus der Ruh'
zum Überdruss des Du.
So cool, so cool, so cool.
Komm doch ins Café 'ascolta' - DU!
Am 20. März
um 19.30 Uhr.
Die Ruh-ler erklären uns die Welt!'"

Gelächter und Geklatsche folgt, und beim näheren Hinsehen bemerkt man, dass nicht nur junge Menschen hier sitzen, die Hochschulstudenten präsentieren sich auch hier eindeutig als Bild einer Gruppe. Der Anblick bringt sofort zum Ausdruck, dass es sich um eine internationale Gruppe handelt. Die Schwierigkeit, Studenten zu finden, die der italienischen Sprache mächtig sind und trotzdem internationale Wurzeln mitbringen, war nicht leicht zu überwinden. Aber es ist gelungen. Vertreter Asiens sitzen hier, sogar zwei Studenten von indianischer Abstammung der Maori konnten für das Hochschulprojekt gefunden werden. Ägypterinnen, und Staatsbürger aus Israel sind mit dabei, sowie Türkinnen. Der Großteil besteht aus verschiedenen Europäern wie aus England, Frankreich, Italien, Österreich und Deutschland. Und den Abschluss bilden zwei Amerikanerinnen. Es ist eine bunte Gruppe von dreißig Personen geworden in einem ausgewogenen Verhältnis von Frauen und Männern. Es gibt die unterschiedlichsten Stimmen in Venedig zu dieser multikulturellen Zusammensetzung. Sie reichen von den positivsten Reaktionen bis zu Stimmen, die dem Projekt keine Chance geben wollen. Wie das Publikum von heute Abend denkt, wird sich erst herausstellen.
"Zur Information möchte ich noch anschließen, wir sitzen hier nicht nur als Gruppe, sondern wir treten auch als Gruppe auf und deshalb verwende ich in Hinkunft immer ein 'Wir' und kein 'Ich'. So möchten wir einmal den ersten Punkt für unser Gespräch aufgreifen, nämlich warum wir uns in einem anderen Tempo bewegen als der Großteil unserer Umwelt in Venedig." Zur Überraschung aller setzt sie sich mit diesen Worten wieder und eine andere Frau aus der Gruppe übernimmt das Gespräch. Ihrem Aussehen nach zu schließen ist sie Inderin, auch ihre Kleidung weist darauf hin, indem sie einen typischen Sari in Hellblau trägt. Sie spricht ein klangvolles, deutliches Italienisch.
"Ja, zunächst zu unserer Entscheidung warum wir unsere Motorik verlangsamen. Unser Weltbild geht davon aus, dass die Welt und ihre Menschen an etwas erkrankt sind. Wir glauben, dass man dieser Krankheit nicht mit Worten beikommen kann, und so haben wir uns entschlossen, unsere Werte der Welt vorzuleben. Dazu gehört, dass wir den Irrsinn der Hektik, das Getrieben sein von einem Termin zum nächsten ablehnen. Wir glauben nicht daran, dass wir durch übertriebene Geschäftigkeit Leben erzeugen. Es ist uns eine große Frage, warum so viele Menschen glauben und daran festhalten, dass sie keine Zeit haben, nämlich nicht einmal in der Freizeit! Gefällt man sich als Sklave des Tempos? Vielleicht! Weil viele fast verächtlich auf Menschen herabschauen, die sich noch nicht in die Hetzjagd des Lebens hereinziehen haben lassen. Jedoch der Peitschenknall des Tempos ist eine einzige Täuschung. Man kann leicht feststellen, dass Menschen in ruhiger lebenden Zeiten eine quantitativ größere Lebensleistung vollbringen konnten, als es in der Regel heute der Fall ist. Wir Studenten sind nicht ruhiger unterwegs, weil wir so wenig zu tun haben; außerdem haben wir alle einen Beruf erlernt und ausgeübt, wir kennen den Druck und Stress im Beruf. Wir wissen wovon wir sprechen. Also, wir haben uns vorgenommen ruhig und konzentriert zu bleiben und uns in der produktiven Ruhe zu üben. Es fällt uns nicht leicht, weil auch wir mit dem trubeligen Leben aufgewachsen sind."
Schon meldet sich eine Hand, die sich ungeduldig in die Höhe streckt, um eine Frage zu stellen. "Könnt ihr mir vielleicht erklären, was diese Ruhe bringen soll? Löst sie unsere Weltprobleme?"
"Wir gehen davon aus, dass nur mehr der Einzelne mit seinem veränderten Verhalten schließlich die Weltprobleme lösen kann. Wir meinen damit, dass ein langsamer Prozess in Gang gebracht wird, wenn der Einzelne seine Lebenspraxis und vor allem sein Verhalten zum Mitmenschen ändert. Ohne Hektik - oder sagen wir es genauer - ohne Disstress zu leben heißt bewusster zu leben. Sich zu zentrieren und bei sich zu bleiben bedeutet eine bessere Wahrnehmung für sich selbst und seine Bedürfnisse zu entwickeln. Jeder Mensch, der mit sich im Einklang steht, nimmt auch sein Gegenüber - das Du - wacher und bewusster wahr. Das Problem des Einzelnen ist zugleich das Weltproblem. Die Welt oder Gesellschaft wird durch das geschaffen, was wir als Einzelne sind. Unsere Begegnungsfähigkeit nennen wir Gesellschaft. Du kannst dir vorstellen, dass Ruhe, Konzentration und eine genauere Wahrnehmung in der Folge Begegnungsfähigkeit aufbaut, die wir als soziale Substanz bezeichnen, und die im Moment kaum vorhanden ist. Das ist die Krankheit, von der wir sprechen."
"Das mag schon stimmen, wenn die Menschen euer Idealbild erfüllten, wäre die Welt eine andere. Ihr glaubt doch selbst nicht, dass sich Venedig durch eure Vorbildwirkung in eine Oase der Ruhe verwandeln wird. Ich finde diesen Ansatz lächerlich, naiv und im Endeffekt dumm. Ihr wirkt nur abgehoben und es nimmt euch doch niemand ernst. Für mich seid ihr Witzfiguren", provoziert er.
Wer dieser Sprecher ist, lässt sich leicht erraten, er gehört der Lucia- Gruppe an, und er versucht gerade die Aggressionsspirale aufzudrehen. "Vor allem seid ihr nicht lebendig. Wo ist denn euer Leben hingekommen, schon im Ruh-lerstand?" Da sich allmählich Unruhe gegen ihn ausbreitet, so setzt er noch nach: "Rentner seid ihr."
Das ist die erste verbale Herausforderung für die "Zukunftler", und sie versuchen Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Schließlich haben sie jeden Tag zweieinhalb Stunden das Unterrichtsfach "Konstruktive Konfliktfähigkeit".
"Wir sind nicht hier, um uns zu verteidigen, wenn du willst, lernst du unsere Ansichten kennen, und wenn du nicht willst - dann eben nicht!" "Außerdem gibt es hier auch genug Stimmen, die zu eurem Projekt stehen", meldet sich erregt ein junger Mann aus dem Publikum. "Es sind viele hier", setzt er fort "die es als große Anregung empfinden, dass ihr euch anders verhaltet. Einige von uns - ich spreche auch für eine Gruppe - haben tatsächlich begonnen der Hektik zu widerstehen und ich kann von mir sagen, dass ich versuche, das Handy, nur wenn es unbedingt notwendig ist, zu verwenden. Wir nennen euch in unseren Reihen die 'Zukunft- ler'."
"Bravo", rufen einige daraufhin.
Jetzt platzt ein anderer Störenfried mit lautem Gelächter heraus "Wofür haben wir denn das Handy - zum Anschauen?", und noch einmal schickt er ein lautes, derbes Lachen nach. "Sie verwenden kein Handy - wahrscheinlich essen sie auch kein Fleisch und wahrscheinlich leben sie auch keusch! Hahaha! Da könnt' ihr euch ja gleich in den Sarg legen!", höhnt er.
Die "Zukunftler" sind eher ratlos, wie sie dieser Störung begegnen sollen, zumal sein Gelächter noch weiterrattert. Sie bewahren vorerst einmal Ruhe. Vor kurzem haben sie erst gelernt: Wenn man nicht weiß, wie man reagieren soll, empfiehlt es sich zunächst nichts zu tun.
"Ihr habt uns in Venedig wirklich noch gefehlt mit eurem Giardino Eden mit dem weißen Tempel, ihr - "
Im selben Moment wird er von mehreren empörten Anwesenden unterbrochen.
"Jetzt reicht es! Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh' doch! Du störst!", ruft eine Frau aus dem Publikum.
"Ihr könnt mich nur hinaus tragen", gibt der Lästerer zurück, und so schaukelt sich eine Stimmung auf, die niemand gewollt hat, und keiner weiß so recht, wie sich alles wieder beruhigen soll.
"Die Versager aus der ganzen Welt haben sich hier zusammengerottet und sie reden uns ein, dass wir es sind, die versagen und krank sind", fährt er fort.
Jetzt wird er jäh von einem Mann unterbrochen, der zur Überraschung aller aufsteht und zu singen beginnt.
"O sole mio", schmettert er mit einer sofort erkennbar geschulten Gesangsstimme durch das Café. Es fällt ihm mit seiner brillanten Tenorstimme ganz leicht, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu lenken, sodass Ruhe einkehrt.
Selbst der Querulant hört interessiert zu und vergisst kurz auf seinen Auftrag. Lucia scheint die Einzige zu sein, die nicht vergessen hat warum sie hier ist. Sie zerplatzt vor Wut, aber was soll sie tun? Noch hängen alle an seinen Lippen und er beginnt mit der zweiten Strophe. Als er diese beendet hat, wird er mit tosendem Applaus belohnt und alle wollen noch eine Zugabe. Er kürzt aber den Applaus ab, weil er etwas Wichtiges zu sagen hat.
"Ich wollte euch vorführen, und das geht besonders an die Adresse des Redners, den ich so abrupt unterbrochen habe, wofür ich mich nachträglich entschuldigen möchte, also - ich wollte euch vorführen, wie leicht es ist, Menschen mit Emotionen zu begeistern. Natürlich ist euch das nicht unbekannt, und auch dir nicht", schickt er in Richtung des Störenfrieds "weil du vehement versuchst Emotionen anzufachen, die du für deine Zwecke benutzen willst. Politiker wissen das längst, und wir wissen es auch. Ich könnte euch noch einige Lieder vorsingen, die Stimmung würde sich steigern und alle hätten Feuer gefangen, und die 'Zukunftler' hätten ein leichteres Spiel. Aber was bleibt zurück? Was bleibt zurück? Außer Manipulationen nichts. Jene würden es schnell vergessen, die nur aus irgendeiner Laune heraus diese Ideen kurz in sich hineingelassen hatten. Ihr müsst aus freiem Willen zu der Einsicht kommen, dass ein Leben, das der Erde und den Mitmenschen dient, die einzige Chance auf Zukunft bedeutet. Dass Menschen beginnen, aus Einsicht und aus freien Stücken ein bewussteres Leben zu führen, dieser Entwicklungsschritt kann nicht erzwungen werden, und deshalb finde ich das Vorleben und Vorzeigen eines zukünftigen Lebens als den einzig gangbaren Weg. Die Beeinflussung durch Emotionen hilft hier nicht weiter! Vielleicht könnten wir jetzt wieder zu dem toleranten Gesprächscharakter zurückfinden, der hier angestrebt wird, und jene, die das Thema nicht interessiert, und die nur stören wollen, könnten überlegen, ob es Sinn macht zu bleiben."
Nach diesem fast unwirklichen Auftritt des Sängers erhebt sich ein "Zukunftler". Er trägt sein dunkles Haar zu einem Zopf geflochten und seine Stirn ziert ein türkises Band, er könnte indianischer Herkunft sein. "Wir sehen eine Welt vor uns, die den Menschen mit all seinen wertvollen Anlagen für eine Wirtschaft opfert, die nur produziert und produziert, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht. Wir sehen eine Welt, in der eine Wirtschaft aufrecht erhalten wird, die - um es offen beim Namen zu nennen - die tötet. Wir haben gestern erst in der Gruppe diskutiert, ob wir uns nicht vom Handy trennen sollen, obwohl wir sehr bewusst damit umgehen. Warum? Jedes Handy oder Smartphone braucht zum Funktionieren eines: Coltan. Ein Bodenschatz, der vor allem im Osten vom Kongo anzutreffen ist. Der Wirtschaftskrieg um diesen Bodenschatz hat bereits sechs Millionen Menschen das Leben gekostet. Sechs Millionen Menschen! Wer würde es aushalten, den Opfern in die Augen zu schauen, die für unsere Handys sterben müssen. Wir glauben, dass Konsum und gesteigerter Wohlstand nicht glücklich machen, wie man aus dem Verhalten der meisten Menschen sehen kann! Wir versuchen mit wenig auszukommen, weil wir uns mit der Frage beschäftigen, wie das Verhältnis auszusehen hätte zwischen dem, was der andere hat, oder zu dem, was der andere bedarf und zu dem, was wir besitzen zu dem, was der andere besitzt. Die Bedürfnisse der Menschen sind zwar sehr verschieden, aber so viel steht fest: Die Welt hat genug für die Bedürfnisse aller, aber nicht genug für die Gier aller. Deshalb wollen wir an dieser Hochschule erlernen, wie man wirtschaften kann, ohne die Menschen auszubeuten und zu modernen Sklaven zu machen. Wir verzichten in unserem Wirtschaftsmodell auf Fleischkonsum, aber nicht auf Fischprodukte, und wir bekennen uns zur 'reduktiven Moderne', die eine humanistische Gesellschaft anstrebt."
Da sich schon wieder mehrere Hände in der Luft befinden, fasst er sich kurz.
"Wir erlernen ein Wirtschaftsmodell, in dem das Wohl der Menschen als höchste Priorität im Mittelpunkt steht, man nennt das 'ethisches Wirtschaften'!"
Das Publikum im Café ist nicht der einzige Zuschauer dieser Veranstaltung. Das Café "ascolta" ist mit unscheinbaren, fast nicht sichtbaren Videokameras ausgestattet. Ettore und Alfredo Brentini verfolgen über diese Kameras mit Spannung wie ihre Schützlinge agieren.
Die Helfer von Lucia sind ein wenig hilflos, weil der erste Störversuch zu früh gesetzt wurde, und Lucia ihrerseits ärgert sich erst recht über deren Ungeschicklichkeiten, hat aber keine Möglichkeit ihnen Ratschläge zu geben, wenngleich sie zugeben muss, dass sie mit dem Auftritt des Sängers am allerwenigsten gerechnet hat, der schließlich eine Wende herbeiführen konnte. Der letzte Redner wurde mit sehr viel Interesse und Wohlwollen aufgenommen und das Stimmungsbarometer ist ganz auf die "Zukunftler" eingestellt. Das ist den bezahlten Querulanten doch zu viel, und sie versuchen einen erneuten Anlauf. Diesmal beginnen sie es geschickter. In ruhiger Weise bringt einer von ihnen seine Bedenken vor, und er verstellt sich gut.
"Ich würde mich auch danach sehnen, dass die Menschheit sich nicht mehr bekämpft. Wie du so schön sagst '... weil es nur eine Menschheit gibt'. Nur, wie viele solcher sozialen Träumereien haben wir schon erlebt im Lauf der Geschichte? Sie sind alle im Sand verlaufen. Wofür legt ihr euch quer? Es wird euch nichts nützen, die Welt wird mit Krieg und Gier weitermachen wie bisher."
"Auch das ist eine Frage der Zeit, alles entwickelt sich. Deshalb sprechen wir von Evolution und nicht Revolution, und Evolution braucht viel Zeit und neue Impulse, und diese leben wir vor", antwortet der Mann indianischer Herkunft.
"Ach so, euer Programm ist auf Jahrhunderte angelegt. Dann können wir uns ja alle wieder gemütlich zurücklehnen und euch zuhören, wie ihr die Welt seht, und warum ihr diese Hochschule besucht, und dann gehen wir wieder gemütlich nach Hause. Gute Nacht!"
"Vieles arbeitet in den Gehirnen weiter, das sollst du nicht unterschätzen. Trotzdem! Wir sind nicht hier, um euch neue Ideen in die Köpfe zu klopfen."
"Na gut, sprecht weiter, ich lege mich einstweilen schlafen." Ohne sich provozieren zu lassen nehmen die "Zukunftler" wieder das Gespräch mit dem Publikum auf. Einer von ihnen, ein dunkelhäutiger Mann, steht auf.
"Ich möchte noch einmal aufgreifen, was du" - und er wendet sich an den Sänger - "angesprochen hast. Wir haben gesehen und erleben es immer wieder, wie schnell Menschen über Gefühle zu erreichen sind. Aber diese Art von Solidarität, die kurz entsteht, ist nicht tiefgreifend genug. Wir glauben, dass kein Weg an dem Individuum vorbeiführt, ich meine, Individualität ist nicht mit Narzissmus zu verwechseln. Das Interesse an der Individualität des Du - durch eine innere, fragende Haltung ausgelöst, wer der andere sein könnte, kurzum ein wirkliches Interesse am Du, schützt mich davor, den anderen mit mir zu verwechseln."
Das gefällt den Zuhörern, sie applaudieren begeistert.
"Es trägt heute nicht mehr, zu glauben, dass Sympathie oder vordergründiger Gleichklang von Meinungen und Gefühlen tragfähige und nachhaltige Solidarität hervorrufen könnte. Gemeinschaft und Begegnung werden zunehmend nur noch aus dem individuell ausgerichteten Fragen und Suchen möglich. Wir erleben das jeden Tag in unserer multikulturellen Gruppe, dass um diese, wie wir es nennen, 'soziale Substanz' gerungen werden muss. Durch Offenheit lassen wir uns auf etwas ein, auf das sich keiner von uns vorher noch eingelassen hat. Wir haben ja auch einen Leitspruch der Hochschule, den ich hier in Erinnerung rufen möchte. Dieser gibt diese 'soziale Substanz', um die es sich handelt, sehr gut wieder:

Für alle,
die suchen und neugierig sind,
für alle,
die am Anfang stehen,
die fragen, wissen und glauben wollen;
für alle,
die bohren, forschen und nachhaken;
für die,
die hoffen, fühlen und denken;
für alle,
die unterwegs sind und aufbrechen
zu neuen Gedanken und Wegen."

Diesen Spruch, den Lucia schon oft aus dem Mund Ettores vernommen hat, reizt sie auf besondere Art, und so verliert sie plötzlich ihre Beherrschung, springt auf, stößt ihren Kaffee und das Mineralwasser vom Tisch, sodass die Nachbarn damit angeschüttet werden und vor Schreck aufschreien und wegspringen, aber Lucia tobt weiter. "Jetzt reicht es mir", schreit sie cholerisch. "Es ist genug! Bin ich hier im Irrenhaus gelandet? Ihr seid doch alle verrückt", und sie fegt wieder diverse Kaffee- und Teetassen von den Tischen herunter.
Die Menschen weichen zurück und schauen wie erstarrt auf sie, obwohl sie gleich bemerken, dass sie keine Pistole zücken wird, weil sie trotz dieses Ausbruchs eher wie ein Kind wirkt, das sich hier austobt, aber schließlich gibt es auch unberechenbare Kinder. Alle sind so klug, dass sie niemand körperlich anfasst um sie zur Vernunft zu bringen.
Im selben Moment betätigt sie den Mechanismus, den sie in ihrer Schuhsohle beim Fersenende eingebaut hat, und der zu einem legendären Markenzeichen von ihr geworden ist: Sie stampft mit der Ferse fest auf und ein fäkalischer Geruch verbreitet sich. Das ist jetzt eine schwere Probe für die Anwesenden. Entweder laufen sie zum Ausgang, oder sie warten mutig bis diverse Fenster und Türen vom Café geöffnet werden. Sie haben Glück, sofort wird die Türe aufgerissen - es ist Spätwinter - und kalte Luft strömt herein.
"Eure multikulturellen Versuche brauche ich nicht. Könnt ihr nichts anderes - ihr Versager?"
Während sie sich in weiteren wütenden Beschimpfungen ergeht, Tische umstößt und um sich schreit, geben die "Zukunftler" einander die Hände und bilden eine Menschenkette, in die auch andere mutige Anwesende drängen. Lucia merkt von diesem Vorgang nichts, weil sie zu sehr mit sich beschäftigt ist. Der Gestank erfüllt noch immer den Raum, aber auch davor ist sie von ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen, weil ihr Fanatismus sie für alle Reize taub macht. Die Menschenkette hat einen Kreis um sie geschlossen, ohne dass sie es bemerkt hätte, und es wird enger um sie, bis sie plötzlich doch wahrnimmt, dass sie eingekreist ist. Immer näher rücken die Menschen an sie heran.
"Rührt mich nicht an", brüllt sie, und sie schaut, ob der Kreis irgendwo eine Schwachstelle hätte. Aber im Gegenteil, er zieht sich wie eine Schlinge immer enger um sie zusammen. Lautlos und in Stille richten die 'Zukunftler', und alle die sich in der Menschenkette solidarisiert haben, ihre Blicke auf sie, denen sie nicht ausweichen kann.
"Lasst mich los", schreit sie, obwohl sie niemand angefasst hat "ich zeige euch wegen Vergewaltigung an."
Pietro Saganelli - der Sänger, der dem Kreis auch angehört - stimmt ein Lied an, das Mahatma Gandhi sein Leben lang gesungen hat und das viele kennen, und das auf der ganzen Welt gesungen wird: "Shri ram jai ram jai jai ram", übersetzt heißt es "Der Sieg der Liebe über alles".
Es ist ein langsames, getragenes Lied, das chorisch gesungen eine starke Wirkung ausübt. Alle schauen ihr singend in die Augen, und man merkt, dass auch sie von dem Gesang ergriffen wird, die Klänge tun etwas mit Lucia. Sind ihre Augen feucht geworden? Viele vermeinen einen Glanz zu sehen.
Die Menschen der Kette lösen allmählich ihre Hände voneinander. Lucia begreift es blitzschnell, und sie drängt sich durch die Menschen hindurch, die sie nicht daran hindern, und läuft zum Ausgang des Cafés. Sie bleibt kurz vor der Türe stehen, wendet sich um, und in gewohnter selbsttäuschender Siegerpose schmettert sie durch den Raum "Ihr hört noch von mir! Ihr Träumer - ihr Versager! Ihr Idioten!", worauf sie panikartig das Café verlässt.
Nach solchen Auftritten fühlt sich Lucia meistens wie neugeboren, aber diesmal ist es anders. Sie schleicht durch die Gassen und verspürt fast eine Atemnot. Noch immer hat sie das Bild vor ihren Augen wie sich die Menschenkette um sie schließt und die Menschen sich auf sie zu bewegen. Es hat ihr Angst gemacht, nicht weil sie sich von den Menschen erdrückt gefühlt hätte, sondern es war deren eigenartige Ausstrahlung! Ein Wohlwollen hat sie in deren Blicken erreicht, und Lucia hatte kurz das Gefühl der Geborgenheit überkommen. Sie hat so etwas noch nie erlebt. Es war schön! Aber es macht ihr Angst. Sie fühlt sich nicht gut, weil sie keine Stärke und Macht in sich vorfinden kann. Gefühlsduselig kommt sie sich vor. Sie beschließt einen starken Kaffee zu trinken. Eben steht sie vor einem Kaffeehaus, aber der nächste Schreck überkommt sie, weil sie sich erinnert, dass sie dort Lokalverbot hat. Normalerweise hält sie sich nicht an solche Verbote, und sie würde sofort hineinstürmen, um sich den Kaffee zu holen. Niemand würde es ihr wahrscheinlich verweigern. Jetzt fühlt sie sich aber nicht danach. Sie geht resignierend weiter.
Doch plötzlich meldet sich ihr alter Stolz zurück "Das wäre ja noch schöner - jetzt nachgeben! Ich brauche einen Kaffee, und ich werde ihn mir holen." Sie kehrt entschlossen um und geht zielstrebig auf das Café zu.





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6. Lehrbrief

Das ganzheitliche - geistorientierte Menschenbild

Wir Menschen kennen einander schon lange, nämlich seit mindestens dreieinhalb Milliarden Jahren! Seit dreieinhalb Milliarden Jahren haben wir den gleichen Weg zu einer menschlichen Entwicklung beschritten. Es ist deshalb umso erstaunlicher, dass der Mensch immer nur an dem jeweiligen Zustand eines Evolutionsabschnittes gemessen wird.

"So und so ist der Mensch", heißt es, ohne zu berücksichtigen, dass jede Evolutionsstufe ihr eigenes Menschenbild hervorbringt und ihre speziellen Aufgaben zu erfüllen hat. Gibt es ein Menschenbild, das unabhängig von der jeweiligen Menschheitsepoche dem Menschen gerecht wird?
Dieser Frage soll hier im Weiteren nachgegangen werden.
In der heutigen Zeit wird der Mensch in keinem sehr positiven Licht gesehen. Warum? Einerseits gibt es eine zu einseitige Betrachtung des Menschen. Die Verursacher von Leid und Ungerechtigkeit, die sicher in der Minderheit sind, aber das Schicksal von Millionen von Menschen prägen, haben die vorrangige Medienpräsenz nach der Devise: "Der fallende Baum macht mehr Krach als der Wald, der leise wächst." Die dramatisierten und negativen Berichte über die Taten der Menschen gewinnen die Oberhand.
So ergibt sich andererseits schon aus diesem Grund eine schiefe Optik für eine Welt, in der es immer mehr Möglichkeiten für immer mehr Menschen gibt, Egoismus, Gier und Profitdenken umzusetzen. Die Versuchung ist groß, davon nicht Gebrauch zu machen. Aber nicht nur die Versuchung ist groß, noch größer ist die Angst aus richtig verstandener Moralität auf der Strecke zu bleiben.
"Ist das Überleben mit Anstand überhaupt noch möglich?", fragen sich viele.
Die mutigen Menschen waren stets in der Minderheit, und die Gefahr besteht darin, dass das Menschenbild, das davon berichtet, dass immer der Stärkere und Brutalere gewinnt, sich allmählich durchsetzt und sich zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Man braucht eine Botschaft nur oft genug wiederholen und sie wird geglaubt. Der Verlust der spirituellen Dimension in unserer Kultur wiegt schwer, und aus dieser Tatsache erklärt sich das falsche Bild über den Menschen.
Um es noch einmal zu sagen: Wir vergessen allzu leicht welchen langen Weg die Menschheit gemeinsam zurücklegen musste bis sie im "Jetzt-Zustand" angelangt ist. Dreieinhalb Milliarden Jahre hat sie hinter sich, und wer weiß wie viele Milliarden von Jahren sie noch erwarten. Der Mensch verhält sich so, als wäre er allein unterwegs, ohne zu bedenken, wem er sein Dasein wirklich verdankt: Ausschließlich der dreieinhalb Milliarden Jahre dauernden Evolutionskette, oder spielt hier doch noch eine größere metaphysische Kraft eine Rolle? Noch nie hat der Mensch so selbstherrlich über sich gedacht wie heute.


Rückblick

Die Weisheitslehren aller Kulturen früherer Zeiten bezeugen bis heute, dass der Mensch mehr über sein wahres Wesen und seine Bestimmung gewusst hat. Das mechanistisch-naturwissenschaftliche Weltbild hat ein Umdenken eingeleitet, das den Menschen von seinen metaphysischen Wurzeln getrennt hat. Das war sicher kein Nachteil für die Weiterentwicklung des menschlichen Geistes, weil der Mensch dadurch mündig und selbstbestimmt werden konnte. Trotzdem kann so ein Zustand nur eine vorübergehende Entwicklungsphase darstellen. Jetzt muss der Mensch in Freiheit und aus eigener Einsicht sein Verhältnis zu "Gott" neu definieren. Die Gefahr besteht aber, dass er auf "Gott" vergisst und allmählich glaubt völlig autark geworden zu sein, und er daher nicht mehr die Notwendigkeit fühlt seine transzendenten Wurzeln zu erforschen und zu suchen.
So viel ist sicher, die Menschheit kann ohne Erkenntnis einer übersinnlichen, transzendenten Welt nicht überleben. Heute kündigen sich schon die fatalen Folgen des falschen Menschenbildes an: Eine Kultur, die keine moralischen Richtlinien mehr kennt und in der mit Lüge und Trug alles möglich wird.
Aber die Hoffnung lautet: Wissen ist noch immer Macht, und die Aufklärung über wahrheitsgemäße Sachverhalte hilft den Menschen ihre Entwicklung voranzubringen.


Veraltetes Denken

Das mechanistisch-materielle Weltbild wurde mit einem Schlag durch die Quantenphysik widerlegt, und trotzdem hält die Welt an dem naturwissenschaftlich überholten kopernikanischen - eben mechanistischen, materiellen Weltbild des 19. Jahrhundert fest. Das Gewohnte gibt Sicherheit. Außerdem sind die Erkenntnisse der Quantenphysik alles andere als bequem: Sie setzen dem Allmachtsstreben des Menschen abrupt ein Ende.


Die klassische Physik Newtons

Diesem Weltbild zufolge ist die Natur stofflich, materiell. Sie kann bis in ihren kleinsten Teil - "atomar" zerlegt werden ohne dass sie ihre materiellen Eigenschaften verliert. Die Kräfte gehorchen einfachen Gesetzen und erlauben deshalb gezielte Eingriffe bei denen das Ergebnis planbar ist. Der Mensch fühlt sich als Manipulierer und Herrscher über eine mechanisch versklavte Natur.


Die moderne Physik

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hat sich im Denkgebäude der Physik eine Revolution ereignet: Die Quantenphysik! Wenn wir die Materie immer weiter zerlegen in der Hoffnung am Ende Materie zu finden, so bleibt überraschenderweise keine Materie übrig. Der bedeutende Physiker Hans-Peter Dürr, Mitarbeiter und Nachfolger von Werner Heisenberg, dem Begründer der Quantenphysik, sagt: "Ich habe fünfzig Jahre eine Materie erforscht, die es gar nicht gibt, die Materie ist nicht aus Materie aufgebaut, sie ist nur die Schlacke des Geistes, nämlich der sklerotisierte Geist."1
Mit einem Schlag wurde das Allmachtsgefühl des Menschen vernichtet, weil er nicht mehr über die Materie gebieten konnte. Außerdem, was viel schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass der Mensch nicht mehr außerhalb dieses Geschehens steht, und somit nicht mehr daran festhalten kann, dass er von der Natur getrennt ist und diese manipulieren kann. Warum? Hat die klassische Physik bestätigt, dass das Atom das kleinste nicht mehr weiter zerlegbare Teilchen der Materie ist und Materie bleibt, die der Mensch formen kann, so stellt die Quantenphysik fest, dass dieses Atom weiter teilbar ist und diese subatomare Welt nicht mehr aus Materie besteht, sondern aus Geist! Sie verhält sich völlig unberechenbar: Sie besteht nur mehr aus Gestalt, Beziehung, Symmetrie - es gibt nur mehr eine Art von Schwingung und Schwingungsfiguren, ein feuriges Brodeln, ständiges Entstehen und Vergehen, ganzheitlich offen und lebendig.2
Die Erkenntnisse der Quantenphysik sollten Sie ermutigen, dass Sie Ihr Denken öffnen für etwas Ungewohntes. Man muss nicht gleich alles glauben, aber wenigstens das Neue in sich hereinzulassen und es nicht gleich abzulehnen, ist geboten. Was Sie im folgenden Kapitel erfahren ist nichts Neues, sondern altes, überliefertes Wissen der Weisheitslehren, die wir vergessen haben. Sie brauchen sich deshalb nur zu erinnern. Sie brauchen sich nur zu erinnern, dass Sie Ihrer Substanz nach ein ewiger Geist sind. Ihr Körper, der scheinbar nur aus Materie sich zusammensetzt, besteht aus Geist, weil Materie nicht aus Materie besteht, sondern aus Geist, wie es die Quantenphysik beweisen konnte. Mit dem Erinnern allein wird es nicht getan sein, aber in jedem Menschen lebt eine Art Ahnung, dass er mehr weiß als ihm für sein Oberbewusstsein zugänglich ist.

1 Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik; Gedanken über die Einheit des Lebens; Crotona Verlag Amerang 2010
2 Ebenda



Text aus dem noch unveröffentlichten Roman "Möwe flieg!"
von Mara Janisch


Gleich darauf kommt Alfredo Brentini auf die Bühne gelaufen. "Jaja. Neues Denken, geistorientiertes Menschenbild! Mein Körper will davon nichts wissen. Er geht seinen Weg, ohne mich zu fragen und ohne auf mich zu hören! Was mache ich mit ihm?" Er geht unruhig auf und ab.
"Dass dieser Körper ein Räuber ist, wissen wir schon lange. Zuerst schmeichelt er uns als kleines, liebes Baby. Dann wächst er und wächst er und man ist mit ihm endlich einmal ein wenig zufrieden. Was ist dann? Er hält seine Versprechungen nicht und altert, und dann macht er sich ganz aus dem Staub - er verschwindet einfach dieser Räuber, und ich mit ihm! Was höre ich für Lobeshymnen von meinen Freunden: Er ist das höchstentwickelte Glied im ganzen Kosmos, er ist ein Wunderwerk, ein Geheimnisträger und so weiter. Es gibt ja wirklich Leute, die behaupten, und leider sind die Behauptungen vielleicht doch wahr, dass der Körper nicht nur Körper ist, genau wie die Materie auch nicht aus Materie besteht. Er könnte nicht eine Sekunde überleben, wenn er nicht Helfer hätte, die sich natürlich unsichtbar machen. Einer lässt sich überlisten, er nennt sich Ätherleib und man kann ihn sogar beim Menschen mit der Kirlian-Fotografie ertappen. Alle Pflanzen und Tiere haben diesen Gesellen. Aber die weiteren Helfer des menschlichen Körpers wollen unsichtbar bleiben. Typisch, sie lassen sich nicht in ihre Arbeit schauen. Aber man kennt ihre Namen. Immerhin! Einer heißt Astralleib - Sternenleib! Er ist für die Gefühle und für die Seele zuständig. Und der Dritte im Bunde ist das ICH, auch Selbst genannt - nicht das Ego, das Ego kann man ja leicht überführen, aber das ICH versteckt sich. Also, ohne diese unsichtbaren Agenten Ätherleib, Astralleib und ICH kann der Körper nicht überleben, so heißt es! Viele nennen es das 'geistorientierte' Bild des Menschen, weil sich die unsichtbaren Geister hineinmischen. Das habe ich gerne! Wer hat das schon gerne, blinde Passagiere an Bord zu haben? Und jetzt kommt das Beste: Astralleib und ICH gehen in der Nacht spazieren! Sie lassen, wenn wir schlafen, den physischen Leib und den Ätherleib im Bett einfach links liegen und gehen in den Kosmos hinaus, sie 'gehen aus' würde man mit unseren Worten sagen. Wenn wir wieder aufwachen, schlüpfen sie einfach in den Körper als wäre nichts geschehen! Der Ätherleib kann sich das nicht erlauben, er ist eng befreundet mit dem Körper und kontrollierbar. Aber die beiden anderen führen einfach ihr 'Dolce Vita' und wir merken nichts davon. Oder doch? Sie behaupten ja, dass sie uns Geschenke mitbrächten von ihren nächtlichen Streifzügen. Sie meinen, dass der Körper und der Ätherleib ohnehin nur für die Erde zuständig ist, aber sie belauschen uns den ganzen Tag, und was wir gut oder schlecht machen tragen sie in den Kosmos hinaus. 'Tratschen' nennt man das. Sie meinen, dass sie mit 'gutem' Rat zurückkommen nach der Devise: 'Überschlafe ein Problem'. Sie meinen, dass sie die guten Beziehungen zum Kosmos haben, und sie wollen uns ja nur helfen! Sie reden uns ein, dass unsere Heimat eher im Kosmos ist als auf der Erde, obwohl es ohne Erd-Erfahrung auch nicht geht. Wir hätten ja sonst nichts zu tun und zu überdenken, wenn wir körperlos in unsere angebliche Heimat zurückkehren. Wenn ich mich wieder einmal empöre über diese Zwangsbeglückung dieser Spione, dann höre ich, dass sie wie der menschliche Körper Milliarden von Jahren gebraucht haben, um sich zu entwickeln. Also, für dreieinhalb Milliarden Jahre schaue ich doch frisch aus. Oder? Ach so - mit Unterbrechung, ich musste mich ja re-in-karnieren, aber dazu spätere Erklärungen. Nicht genug, dass die Quantenphysik beweist, dass Materie nicht Materie ist, dass sie nicht das Fundament der Wirklichkeit ist, jetzt muss auch noch die Geisteswissenschaft mit dieser Behauptung mitziehen, und sie möchte zeigen, dass der Leib richtig verstanden ein Fenster in den Kosmos darstellt. 'Ignorant!' nennen mich meine Freunde, wenn ich es bezweifle - also muss ich es wohl glauben! Die Tiere haben nur zwei Spione in sich: Ätherleib und Astralleib, die Pflanzen nur einen, nämlich den Ätherleib. Der Mensch kann natürlich wieder nicht genug bekommen und er braucht drei Agenten: Ätherleib, Astralleib und ICH. Das ICH ist das Raffinierteste, weil es angeblich unseren Wesenskern vor uns versteckt. Meine Violine ist die Normalste, sie hat nur Töne in sich! Geistorientiert! Wo stecken sie noch, die Geister? Oder wo fehlen sie? Kennen Sie den Satz: 'Bist du von allen guten Geistern verlassen?' Ja, Sie kennen ihn!"



Neues Denken erlaubt?

Für alle
die suchen
und neugierig sind
für alle
die am Anfang stehen wollen
die fragen
wissen
und glauben wollen



Geheime tiefe Wunder öffnen sich!
Die Wahrheit über den ganzheitlichen Aufbau des menschlichen Körpers

Nicht nur die moderne Naturwissenschaft hat eine Revolution im Denken ausgelöst, wenngleich diese noch nicht von vielen Menschen gelebt wird, auch die Wissenschaft vom Geist konnte den Schritt tun, um sich mit der Naturwissenschaft zu vereinen. Die längst fällige Vereinigung von moderner Wissenschaft und übersinnlicher Geisteswissenschaft ist somit vollzogen, wenngleich auch hier nur langsam Menschen diese neuen Wege beschreiten. Hier ist der Name des Österreichers Rudolf Steiner (1861 - 1925) zu nennen, der mit seiner Geisteswissenschaft nicht nur in der Theorie bleibt, sondern damit eine Erneuerung der verschiedenen Lebensbereiche einleitete. Von der Erziehung angefangen zur Medizin und Religion und Landwirtschaft bis zu einem Konzept der gesunden Dreigliederung des ganzen sozialen Organismus erstreckt sich sein Wirken. Das Überzeugende an seinem Werk ist die wissenschaftlich, argumentative Darstellung der übersinnlichen Welt. Nichts verschwommen Spirituelles oder Mystisches beschwört er, sondern in einer sehr klaren, ausführlichen Sprache geht er objektiv wissenschaftlich vor, ohne deshalb den Leser zu überfordern oder zu langweilen. Seine Sprache ist zu Herzen gehend und engagiert. Aus seinem Werk beziehe ich die Darstellung über den wahren Sachverhalt des menschlichen Körpers. 3
Unter "ganzheitlich" und "geistorientiert" versteht man, wie der Name schon sagt, dass das Fundament der Wirklichkeit nicht die Materie, sondern der Geist ist, dem man gerecht werden möchte.
Wer ist dem Menschen näher als sein eigener Körper? Tag für Tag sind wir von ihm abhängig und wir müssen ihn immer einigermaßen gut behandeln, weil er uns sonst seine Dienste versagt. Was liegt näher, als diesen ständigen Begleiter einmal wirklich "unter die Lupe zu nehmen". Wer will nicht wissen, wer er wirklich ist? Wer will mit der ständigen Illusion über den Körper leben? Wahrscheinlich wäre es einfacher mit dem Bild zu leben, das uns die Schulmedizin immer vorgaukelt: Er besteht aus Knochen, Muskeln, Sehnen, Flüssigkeit usw., kurzum nur aus Materie.
Die Wahrheit ist, dass der menschliche Leib von einem unsichtbaren Organismus durchdrungen wird. Dieser besteht aus dem sogenannten Ätherleib, der nahe mit dem physischen Leib verbunden ist und in der Kirlianfotografie nachweisbar ist. Nicht sichtbar kann man den Astralleib machen, der für die Gefühle und Emotionen eine große Rolle spielt. Noch weniger kann man das ICH nachweisen, das den Wesenskern des Menschen enthält. Das Ego ist das irdische Gegenbild des ICH. Dieses können wir läutern und somit benutzen, um an das ICH heranzukommen.
Man nennt diese unsichtbaren Leiber "Wesensglieder", weil sie eine große Rolle bei der Hervorbringung des eigentlichen Wesens des Menschen spielen. In unendlich vielen Evolutionsepochen sind diese "Wesensglieder" entstanden. Ausgegangen ist diese Entwicklung vom physischen Leib. Es gab aber eine Zeit, da war der Mensch nur eine Art Wärmeorganismus, der noch keinen physischen Leib hatte, und erst nach und nach, gemäß der einzelnen Evolutionsschritte haben sich der physische Leib und die Wesensglieder gebildet. Man kann sagen, dass nur durch sie der Mensch eine höhere Entwicklung antreten konnte. Unübersehbar ist, dass der Mensch ein sehr komplexes Wesen darstellt, mit all seinen Anfälligkeiten.
Der physische Leib mit seinen "Wesensgliedern" ist ein einziger "Wunderbau" im Kosmos, und vielleicht ist der erste Schritt in die Nähe des geistorientierten Menschenbildes die Würdigung, Ehrung und Dankbarkeit für dieses Wunderwerk, das wir an uns tragen, und das zugleich ein Indiz dafür ist, dass wir aus dem Kosmos heraus geboren sind. Die Erbmasse unserer Eltern ist nur ein kleiner Teil, der das Entstehen dieses Wunders möglich macht. Welche Konsequenz hat das Wissen um die wahre Bedeutung unseres Körpers? Der physische Leib ist vergänglich, aber wenn er wie ein welkes Blatt vom Baum fällt, verschenkt er seine Information, die der Mensch sein Leben lang gesammelt hat, an die Erde. Die Erde könnte ohne menschliche Leichname nicht überleben. Eine der bedeutendsten und geheimnisvollsten Tatsachen begegnet einem hier. Alles ist wirklich mit allem verbunden. 4
Der Ätherleib löst sich innerhalb von drei Tagen im Weltenäther des Kosmos auf, und mit ihm ein Tableau unseres Lebens, das er uns drei Tage lang zeigt. Im Astralleib findet der Mensch all seine Gefühle und Taten gesammelt vor und in einem langen Zeitraum geht er sein Leben vom Ende bis zum Anfang prüfend durch und macht sich seine Verfehlungen und guten Taten bewusst. Astralleib heißt Sternenleib, weil er aus den Planeten des Tierkreises sich zusammensetzt. Den "Rucksack" mit den Verfehlungen darf die Seele eine Zeit lang zurücklassen und unbeschwert die Planeten des Tierkreises bereisen, um neue Kraft für den zukünftigen Astralleib aufzubauen. Bevor sie wieder auf die Erde zurückkehrt, muss sie den "Rucksack" wieder aufnehmen und er wird in den Astralleib eingebaut, um auf der Erde diese Verfehlungen ausgleichen zu können. Von entscheidender Bedeutung ist es, wie viele geistige Möglichkeiten der Mensch sich auf Erden geschaffen hat, um die geistigen Welten im Jenseits überhaupt empfangen zu können. Menschen, die ausschließlich sich dem Irdischen hingegeben haben, bereisen die Planeten des Tierkreises, ohne dass sie davon viel mitnehmen werden können. Deshalb ist es entscheidend sich schon auf Erden über die zu erwartenden Vorgänge im "Nachtodlichen" zu informieren. Es ist ein einziger Trugschluss zu glauben, dass man nach dem Tod ohnehin alles erfährt. Man erfährt nur so viel, so viel man auf Erden sich die Möglichkeit geschaffen hat, diese nachtodliche Welt auch in sich aufzunehmen.

3 GA (Gesamtausgabe) Band 218; Rudolf Steiner Verlag; Vortrag vom 14. Oktober 1922 in Dornach
4 Siehe Lehrbrief 4 auf der Website www.hör-klangbewusstsein.at unter Bewusstseinsbildung Zukunft


Ist Umdenken möglich?

Für alle
die bohren, forschen
und nachhaken
für die, die hoffen
fühlen und denken


Was den Menschen wirklich zum Umdenken bewegt, ist ein rätselhafter Vorgang. Bei manchen ist es der "Geistesblitz", bei vielen die eigene innere Not, in die sie geraten sind. Dass der Mensch nur sein Denken ändert, wenn er dazu gezwungen wird durch äußere bittere Umstände, kann man nicht verallgemeinern. Es besteht die Hoffnung, anzunehmen, dass das Bild, das hier von der geistigen Welt gezeichnet wird, und in dessen Zusammenhängen sich der Mensch unbewusst bewegt, zum Nachdenken und Umdenken anregt. Wenn der Mensch einmal begreift, dass er Teil des schöpferischen Kosmos ist, dass das Weltall belebt ist von Wesen, die uns weit überlegen sind, und die alles darangesetzt haben, den Menschen mit "Wesensgliedern" auszustatten, die seine Höherentwicklung ermöglichen, so wird er eine neue Wertschätzung und Achtung von sich und dem "Du" entwickeln.
Der Mensch könnte durch das Wissen um seine wahre Bestimmung begreifen, dass er nicht nur zum Zeitvertreib lebt und die Erde gemäß seiner Bequemlichkeit ausbeuten kann. In ihrer kosmischen Aufgabe ist der Menschheit eine einmalige Aufgabe zugefallen, die niemand sonst im ganzen Kosmos erfüllen kann: Sie ist dazu ausersehen Materie in Geist oder Liebe - damit ist nicht Erotik gemeint - zu verwandeln.
Deshalb lebt der Mensch zwischen Geburt und Tod in der Erfahrung der Materie, und zwischen Tod und neuer Geburt kehrt er in seine geistige Heimat zurück, um durchtränkt vom Geist und mit einem neuen Körper die Erderfahrung wieder durchzumachen. Das geistige Leben zwischen zwei irdischen Leben muss wieder bei der Geburt zum Vergessen gebracht werden, weil der Mensch sonst nicht die Erfahrungen im Irdischen vorurteilsfrei annehmen könnte. Nicht vergessen werden darf, dass dieser Dienst am Kosmos nicht ohne die Individualisierung und Höherentwicklung des einzelnen Menschenwesens stattfinden kann, wobei der Entfaltung der Liebe eine große Rolle beikommt. Die Menschheit soll zum Spezialisten der Liebe durch die Freiheit heranwachsen.
So viel aus der Geistesforschung von Rudolf Steiner.
Aber nicht nur Rudolf Steiner formuliert solche Gedanken. Der Begriff "Advaita" aus dem Buddhismus, der besagt, dass es keine Trennung von Mensch und Kosmos, Erde, Tieren, Pflanzen, Mineralien gibt, weist auch darauf hin, weil nichts für sich getrennt überleben kann: Alles ist Eines, alles ist miteinander verbunden. Nur wenn es gelingt, dem Menschen seine Bedeutung und Mitarbeit für den Kosmos bewusst zu machen, kann ein Umdenken stattfinden. Alle anderen Rufe nach Klimaschutz und Moral werden an der Peripherie bleiben. Der Mensch wird nur Verantwortung übernehmen, wenn er sich im Reigen der schöpferischen kosmischen Kräfte als Mitverantworter erkennt und daraus sein wahres, nicht übersteigertes Selbstbewusstsein entwickelt.

Für alle
die unterwegs sind und
aufbrechen
zu
neuen Gedanken und Wegen!


Die Menschheit geht einer großen hoffnungsvollen Zukunft entgegen, die zwar noch weit entfernt ist, aber sie wird immer mehr sichtbar. Nicht ohne Schmerzen, Krisen und Kämpfe ist dieses Ziel zu erreichen. Auch hier wird nichts verschenkt, aber die geistige Welt setzt und vertraut auf uns, weil das große Werk ohne die Menschheit nicht stattfinden kann.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubtes du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

                                                                              (J. W. v. Goethe)
                                                                             Faust I







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