Als Autorin

 

Auch als E-Book erhältlich unter ISBN 978-3-7375-4452-8


Mara Janisch, in Wien geboren, lebt als Schauspielerin, Sängerin und Stimmpädagogin in Wien. Sie versucht in ihren Romanen den dunklen Seiten des Lebens ein lichtes Gegengewicht entgegenzusetzen. Der Entwurzelung des Gegenwartsmenschen stellt sie eine Wertesuche entgegen, die dem Menschen seinen ewigen Geistesanteil nicht abspricht und ihn nicht bloß auf eine physisch-materielle Existenzform reduziert. Sie macht den Menschen Mut sich wahrhaft zu leben und sich als ewigen Geist, der in einem Körper von Inkarnation zu Inkarnation wandelt, zu begreifen.

Wie ist das mit dem Singen?
Darf man auch falsch singen?

Wie ist das mit dem Joggen?
Darf man auch nicht joggen?

Wie ist das mit dem Mut?
Darf man nur in der Dunkelheit sagen was man denkt?

Wie ist das mit dem man?
Wer ist man?

Wie ist das mit dem Leben?
Darf ich auch mein Leben leben?

Wie ist das mit der Liebe?
Gibt es sie noch?

Abgelähmte Wahrnehmungsformeln weichen sich unter schweigenden Augen und blühenden Ohren - nämlich in der Dunkelheit doch ein wenig auf? Umberto, ein werdender Sänger, singt im Dunkelrestaurant und findet ausgerechnet dort die Lebendigkeit des Gesanges wieder! Die übersehene Parksperre im Schlosspark Schönbrunn! Was nun? Wie groß wird die Angst und zugleich die Offenheit für neue Eindrücke von zwei Menschen, die der Zufall unter diesen Umständen zusammenführt. Das Handy! Wieviel Müll im Ohr verträgt der Mensch? Lebendig bleiben! Wo, wie und wann?

Ein Kapitel aus dem Buch:

M u s e n t e m p e l

Es ist kurz nach Mitternacht. Ich husche ins Haustor meines ehemaligen Wohnhauses in der Helftorgasse in die Dunkelheit hinein und ich schleiche Stufe um Stufe das Stiegenhaus hinauf. Zum Glück muss ich nur das Hochparterre erreichen. Was sagst du, wenn du jemanden triffst?
„Ah, so ein Zufall, guten Morgen!“, scherze ich mit mir selbst. Dann beruhige ich mich schnell.
„Dich erkennt niemand, heute hast du dich ja verkleidet mit einer blonden Perücke mit schulterlangen Haaren und für den Notfall hast du eine große dunkle Sonnenbrille mitgenommen. Außerdem, das Haus hat vier Stockwerke mit einem Lift, der in den Keller zum Garagenausgang führt, den von innen jeder öffnen kann. Wenn du jemanden triffst, gehst du unauffällig bis zum Lift und fährst in den Keller und verschwindest durch den Garagenausgang. So einfach ist es!“, sage ich mir immer wieder.
Mit dieser Beruhigung erreiche ich die Wohnungstüre, ich sperre vorsichtig auf und schon bin ich in Sicherheit. Kaum fällt die Türe ins Schloss, so höre ich – es ist kaum zu glauben – Singen in der Wohnung. Das gibt es doch nicht! Vielleicht kommt es von nebenan? Ich lege mein Ohr an die Wand – nein, es kommt aus meiner Wohnung. Umso näher ich mich zum Musikzimmer taste, umso stärker wird der Klang. Jetzt ist es eindeutig! - Das Singen kommt aus dem Musikzimmer. Es ist eigenartig, wenn man nichts sieht und nur hört; das sind ja mindestens zehn Stimmen, die ich höre!
„Bitte, hört auf zu singen, man hört das doch im ganzen Haus, ihr verratet mich, dass ich hier bin!“, empöre ich mich.
„Wer seid ihr eigentlich, was macht ihr hier?“, bringe ich hervor.
„Ich kann euch nicht einmal sehen.“
„Das ist nicht wichtig, dass du uns siehst, hören sollst du uns. Du brauchst keine Angst zu haben, nur du kannst uns hören!“, beschwichtigen die Stimmen und stimmen einen mantrischen Gesang an. Er kommt mir bekannt vor, ein wunderschöner Gesang ist es. Jetzt erinnere ich mich, ich habe das Lied mit meinen Schülern im Singkreis oft gesungen.
„Lied für die Erde“ heißt es. Der Text des Liedes stammt aus Afrika, eine Übersetzung konnte ich nicht finden.
„Aye kerunene keranio keruna. Keranio weya heya heya ye aye keruna“, fällt mir der Text ein, schade, dass ich die Worte nicht verstehe.
„Hören sollst du uns, den Text musst du nicht verstehen“, tönt es wieder.
„Wieso wisst ihr, was ich denke?“, frage ich.
Es kommt keine Antwort. Sie beginnen die zweite Strophe mit demselben Text zu singen. Ich höre Frauenstimmen in verschiedenen Stimmlagen. Das Ganze klingt wie in Samt gehüllt.

Hingegeben an den Gesang lausche ich. Lange habe ich das schon nicht gemacht: nur Hören, was an mein Ohr dringt. Mit uneingeschränkter Hingabe, ohne festzustellen, ist das noch eine Quart oder Quint. Unschuldiges Hören, Horchen. Der Klang ist einheitlich, klar und rein. Er führt in eine Welt, die mir vertraut und doch nicht bekannt ist. Seligkeit könnte ich es nennen.
Seeligkeit, ein seelenvoller, gemütsvoller Gesang, eine Nahrung besonderer Art. Wohin führen und tragen mich diese Töne – sind es noch menschliche Stimmen? Ich kann den Eindruck nicht benennen. Jetzt haben sie aufgehört zu singen, der Klang schwingt nach und zaubert eine besondere Stille hervor. Ich höre und ruhe in mir, Frieden erfüllt mich.
Nach einiger Zeit frage ich:
„Wodurch ist es möglich, so schön zu singen, was war das, wie geht das?“ Ich warte.
Unvermittelt höre ich
„Wir müssen keine Leistung erbringen, wir werden nicht bezahlt für unser Singen. Nicht aus Ehrgeiz singen wir, wir wollen auch nicht berühmt werden, noch wollen wir gefallen. Wir singen aus reiner Freude und Absichtslosigkeit – aus Hingabe, aus Liebe singen wir. Wir dürfen auch falsch singen und deshalb singen wir nicht falsch.“
Plötzlich erinnere ich mich an „Fehler machen ist eine Schande“. In diesem Moment durchzuckt etwas den Raum wie ein Blitz. Es geht so schnell, dass ich gleich wieder im Dunkeln sitze. Was war das? Habe ich geträumt? Ich habe in diesen paar Sekunden Frauen im Kreis stehen gesehen, alle in weiß gekleidet, alle hatten sehr langes braunes Haar. Gesichter konnte ich keine erkennen. Am Boden leuchtete etwas Goldenes, wie eine große Schale, in der sie standen. In der Nähe des Halses leuchtete ein weißes Licht. Wieder und wieder versuche ich mir das Bild in Erinnerung zu rufen, damit ich es ja nicht vergesse. Dieses Erlebnis schüchtert mich ein. Einmal finde ich zerstörerische Stimmen hier vor „Fehler machen ist eine Schande“ und dann wieder genau das Gegenteil! Ich bin verwirrt.
Schüchtern frage ich
„Würdet ihr noch etwas singen?“
Stille umfängt mich. Ich warte wieder, keine Antwort höre ich. Sind sie vielleicht schon weg?
Ich bin doch hierher gekommen, um meiner Empörung über „Fehler machen ist eine Schande“ Ausdruck zu verleihen und diese Frauen geben mir die Antwort auf ihre Weise.
„Wir dürfen auch falsch singen und deshalb singen wir nicht falsch, wir singen aus Liebe“, haben sie gesagt. „Wir singen aus Liebe!“
Noch nie in meinem Leben habe ich so einen berührenden Gesang gehört. Ist das das Geheimnis des Singens – des vollendeten Klanges – das Geheimnis der menschlichen Stimme überhaupt, was ich heute erlebt habe?


Roman "Sternengeflüster" - ISBN: 978-3-8442-8647-2 epubli, Berlin 2014



 



Auch als E-Book erhältlich unter ISBN 978-3-7375-5465-7


Mara Janisch, gebürtige Wienerin, Sängerin, Schauspielerin und Stimmpädagogin beschreibt in ihrem Roman drei Lebensfanatiker mit ihrem unbezwingbaren Herzen:

  Eine alternde Sängerin mit ihrem jungen Liebhaber. Ein Zauberkünstler, der an Frauen wertvollen Schmuck verschenkt. Ein Buchhändler, dessen innere Welt so stark wird, dass keine Realität mit der Macht des Kummers ihn bezwingen kann. Sie alle üben sich in der Schmerzunempfindlichkeit gegenüber der Realität und erschaffen sich ihre mächtigen Tagträume.
 

"Es gibt für alles ein erstes und ein letztes Mal", beteuert Masetta.

"Literatur entlaufen, sie hört auf den Kosenamen Poesie", beschwört Alfredo Brentini sein Publikum.

"Ich schweige und verschenke, was die Menschen ersehnen", verrät der Zauberkünstler.


Ein Kapitel aus dem Buch:

V o i l a !   S i g n o r a   P o e s i a,    s ' i l   v o u s   p l a i t !

Masetta hat es sich leichter vorgestellt, jeden Tag eine kleine oder größere Verrücktheit zu begehen. Heute scheint so gar keine Gelegenheit dafür aufzutauchen. Es ist bereits 17 Uhr vorbei und nichts war möglich! Für den Notfall wird sie sich ein Glas Rotwein einschenken und es vor dem Trinken wegschütten. Um das zu verhindern, beschließt sie zum Meister der Kunst der Verrücktheit zu gehen, zu Alfredo Brentini senior. Sie wird ihn in seiner Buchhandlung aufsuchen. „Di Parola“ heißt sie, diese kuriose Buchhandlung, und sie befindet sich mitten im Geschäftsviertel von Venedig – im Rialto – in den Ruga degli Speziali gleich in der Nähe der Post.
Alfredos Großvater hat hier eine Gemüse- und Obsthandlung betrieben, die an Alfredos Vater weitervererbt wurde. Als dieser starb, ist sie in den Besitz von Alfredo übergegangen. Alfredo war damals noch als Beamter im Staatsdienst tätig, und so vermietete er sie an einen Obsthändler mit der freudigen Erwartung, dass er mit seiner Pensionierung dort eine Buchhandlung eröffnen wird.
Er konnte es kaum erwarten, diese Buchhandlung nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er musste damit kein Geld mehr verdienen, und so war ihm Tür und Tor geöffnet, Menschen zum Lesen zu animieren. Er nennt es die beglückendste Kunst, die er kennt, Menschen zum Lesen zu verführen, sie in Gedanken und Geschichten zu verwickeln, sodass sie vielleicht anfangen an ihrem Leben zu kratzen. Die höchste Verführungskunst ist ihm in seiner frühen Jugend in Form eines Buches entgegengetreten, den Titel hält er bis heute noch geheim. Als er seinen Freunden davon erzählte, ist er ausgelacht worden, und seitdem hat er darüber geschwiegen. Sein Wunsch diese Verführungskunst zu beherrschen ist immer größer geworden umso mehr er darüber geschwiegen hat, und er hat den Tag herbeigesehnt, an dem er sich endlich dem widmen wird können, wofür sein Herz schlägt. Riccardia hat gemeint, dass die Weitervermietung der Gemüsehandlung dem Haushaltsbudget besser täte, aber schließlich hat sie nachgegeben, weil sie um das Brennen in seinem Herzen wusste. Manchmal war sie eifersüchtig auf seine heimliche Geliebte, die Literatur, aber jetzt in den alten Tagen der Ehe, gönnt sie ihm sein Glück.
Seit zwei Jahren ist Alfredo Brentini in Pension, und jeden Tag beim Aufstehen freut er sich darauf, zu seinem Herzenskind, seiner Buchhandlung, zu gehen. Wie ein Geliebter sperrt er die Türe zu dem einstigen Gemüseladen auf, um seine Bücher, die in hohen Holzregalen, die bis zu Decke reichen, auf ihn warten, zu begrüßen. Ja, sie wollen bewundert werden! Am Anfang hat er sich ungern von einem Buch getrennt, wenn es besonders schön ausgestaltet war, um es zu verkaufen, aber jetzt ist die Freude daran, Menschen mit Büchern zu infizieren größer als sein Besitzerstolz. Er hat gehofft, hier in seiner Buchhandlung auch zum Lesen zu kommen, aber dieser Wunsch erfüllt sich nur selten. Viele seiner Freunde kommen hierher, um sich ihre Sorgen von der Seele zu reden und Alfredo Brentini weiß immer Rat und Trost, egal wie aussichtslos die Lage auch ist.
Bald hat es sich herumgesprochen, dass Alfredo es nicht mit dem Stolz der Venezianer vereinen konnte, dass manche Romane, die in Venedig spielen und auf der ganzen Welt gelesen werden, ausgerechnet die italienische Sprache verweigern. Natürlich hat er es mit Hilfe von Freunden geschafft, italienische Übersetzungen zustande zu bringen, die in zahlreichen Kopien unter der Hand weitergegeben werden. Immer wieder kommen die Venezianer zu ihm, um diese begehrten Manuskripte zum Kopierkostenpreis zu erwerben. Unter seinem Ladentisch hält er sie verborgen, und manchmal kommt er mit dem Kopieren nicht nach und muss Vormerklisten anlegen, um alle Interessenten zu vermerken. Heute ereignet sich wieder so ein Ansturm von Nachfragen als Masetta gerade die Buchhandlung betritt, so dass sie kaum einen Platz findet, um sich in das eine oder andere Buch zu vertiefen.
Sie beschließt ein Buch aus dem „Brentini-Kistchen“ zu nehmen und es sich vor dem Geschäft auf einem der aufgestellten Stühle und Tische bequem zu machen, obwohl diese alles andere als bequem sind. Alfredo serviert seinen Kunden wenn er Zeit hat, immer ein Glas Wasser, wenn er keine Zeit hat stehen mehrere Krüge zur Entnahme bereit. So nimmt sich Masetta einmal ein Glas Wasser und trinkt es bewusst. Sie ist neben Rotwein- auch eine Wasserliebhaberin. Die alten Holzkistchen, in denen früher das Obst und Gemüse angeboten wurde, beherbergen jetzt Bücher und zeigen ihre üppige Pracht sowohl im Geschäft als auch vor dem Geschäft. Es gibt eigene Brentini-Kistchen mit der Aufschrift Gemischtes von Brentini, dieselben findet Masetta aber nicht gleich. Wie früher im Gemüsegeschäft trägt auch jetzt jedes Kistchen eine Tafel mit einer Aufschrift, zum Beispiel 10 dkg Gemischtes, 10 dkg Wahrheit, 10 dkg Schmäh, 10 dkg Lüge, 10 dkg Unglaubwürdiges und so weiter mit dem jeweiligen Preis versehen.
Masetta entdeckt gerade 10 dkg Schönes Singen.
„Oh, da gibt es ja einige CDs von mir“, denkt sie erfreut.
Während sie in den Kistchen auf der Straße wühlt, hat Alfredo sie entdeckt und ruft laut über alle Köpfe hinweg hinaus „Signora Masetta, willkommen!“
„Signor Brentini, buona sera“, erwidert sie erfreut seinen Gruß und betritt wieder das Innere des Geschäftes.
Alle Köpfe drehen sich um und schauen Masetta an, sie lächelt erfreut, schließlich liebt sie es, von vielen Menschen angeschaut zu werden!
Ohne viel nachzudenken empfindet sie, dass der Augenblick gekommen ist, ihre heute noch ausstehende Verrücktheit einzulösen. Spontan singt sie die Arie des Prinzen Orlofsky „Ich lade gern' mir Gäste ein“ aus der „Fledermaus“ von Johann Strauss. Alfredo hat diesen Text umgedichtet und in italienischer Sprache verfasst und Masetta hat diesen Text schon oft mit ihm gesungen und gut in Erinnerung.

  „Ich lade gern' mir Gäste ein,
Man liest bei mir recht fein,
Man diskutiert so wie man mag,
Oft bis zum hellen Tag!
Auch langweil' ich mich nie dabei,
Was man auch denkt und spricht,
Indes, was mir als Mensch steht frei
Duld' ich bei Gästen nicht!
Und seh' ich, es langweilt
Sich jemand hier bei mir,
So pack' ich ihn ganz ungeniert,
Werf' ihn hinaus zur Tür.
Und fragen Sie, ich bitte
Warum ich das denn tu',
's ist mal bei mir so Sitte,
Chacun à son goût,
's ist mal bei mir so Sitte,
Chacun à son goût.“

Überrascht und gebannt schauen die Menschen auf Masetta, schließlich hat es niemand erwartet, dass sie zu singen beginnt. Nach der ersten Strophe, noch bevor sie zur zweiten ansetzt, greift Alfredo zu Violine und begleitet sie spontan.

  „Wenn ich mit allen sitz' beim Buch
Und Buch um Buch ich les'
Muss jeder mit mir feurig sein,
Sonst werde grob ich sehr!
Und schlage Buch um Buch ich vor
Duld' ich nicht Widerspruch,
Nicht leiden kann ich's, wenn sie schrei'n:
Ich will nicht, hab genug!
Wer mir beim Lesen nicht pariert,
Sich zieret wie ein Tropf,
Dem werfe ich ganz ungeniert
Die Bücher an den Kopf.
Und fragen Sie mich bitte
Warum ich das denn tu',
's ist mal bei mir so Sitte,
Chacun à son goût,
's ist mal bei mir so Sitte,
Chacun à son goût.“

Überschäumende Lebenslust breitet sich aus, und als sie geendet haben, brodeln und wogen die Gefühle der Menschen, und alle wollen noch eine Strophe hören. Alfredo legt die Violine feierlich zur Seite und stellt sich neben Masetta. Sie werden die zweite Strophe noch einmal gemeinsam singen! Alfredo gerinnt zur Sängerpose und übertreibt in seiner Mimik und Gestik schamlos, aber es macht allen viel Spaß und lockt Vorübergehende an, die vorsichtig herein lugen. Am Schluss lachen alle vor Herzenslust und Vergnügen und applaudieren ausgelassen und Alfredo preist sofort das Singkistchen mit Masettas CDs an. Alles hat sich absichtslos ereignet und Masettas Impuls eine Verrücktheit zu begehen, hat alles in Gang gebracht. Sie hätte sich so einen Auftritt wahrscheinlich nicht erlaubt, als sie noch Sängerin war. Diese Spontaneität hat sie glücklich gemacht, und sie weiß noch gar nicht so recht, wie ihr geschehen ist. Es war ihr, als hätte nicht sie gehandelt, sondern eine andere Masetta.
„Merkwürdig, wer ist diese andere Masetta? Die möchte ich doch einmal näher kennenlernen“, denkt sie.
Die Menschen kommen spontan auf sie zu und bedanken sich bei ihr und Alfredo für diesen unkonventionellen Auftritt. Natürlich denkt Masetta nach, wieso ihr einstiger Beruf sie mit so viel Anerkennung und Zuwendung beschenkt.
„Die verdorrenden menschlichen Beziehungen sind es, die diese Dankbarkeit für Herzerwärmendes hervorbringen“, wird ihr klar.
„Aber diese Art von Zuneigungsbezeugungen an Menschen steht mir immer offen“, denkt sie „und diese möchte ich auch nicht vermissen.“
In Wien hat sich so eine Situation nie ergeben, wenngleich sie sich eingestehen muss, dass sie es auch nicht angestrebt hätte, aus dem Stegreif zu singen.
„Wahrscheinlich gibt mir die tägliche Verrücktheit den Spielraum für eine Freiheit, die noch im Schlaf bei mir liegt“, denkt sie.
Langsam beruhigt sich alles, und das Gedränge um Alfredo Brentini, der die begehrten Manuskripte verwaltet, wird wieder größer.
Masetta zieht sich mit einem Brentini-Buch wieder auf die Gassenstühle vor der Buchhandlung zurück und wartet einmal ab, bis sie mit Alfredo alleine sein kann. Es ist schon lange nach Geschäftsschluss und das Treiben in der Buchhandlung wird sich bald beruhigen, und Masetta wird von Alfredo Ratschläge für ihr Weiterkommen in der Meisterschaft der Verrücktheit einholen. Die Menschen auf der Straße ziehen an ihr vorbei, und die Regsamkeiten auf den Ruga degli Speziali von der bequemen Sitzposition aus zu beobachten gefällt ihr außerordentlich. Zum Lesen kommt sie gar nicht, weil die bunten Bilder ihr Auge zu sehr ablenken. Sie möchte aber doch in das Brentini-Buch schauen, weil sie es noch nicht kennt und neugierig auf seine Gedichte ist.
In einer kurzen Nachdenkphase blickt sie auf, und sie traut ihrem Auge kaum! Ein Mann geht an ihr vorbei – er kommt ihr so bekannt vor! Jetzt kann sie ihn nur mehr von hinten sehen.
„Woher kennt sie ihn?“, fragt sie sich. „Ja, es ist der Zauberkünstler vom Lido!“
Der grau-silberne Anzug, der lange Zopf, der dynamische katzenartige Gang.
„Ist es eine Täuschung?“, will sie wissen.
„Nein, so viele Männer, die seine Signatur und diesen Anzug tragen, gibt es nicht.“
Es beunruhigt sie die Tatsache, dass er es ist! Sie will sich ablenken und liest weiter, findet aber doch keine Ruhe.
„Warum soll er hier in der Nähe nicht wohnen, oder spazieren gehen, Venedig ist ja nicht so groß!“, argumentiert sie mit sich selbst und sitzt gedankenverloren vor dem Geschäft.
„Masetta, das habe ich gar nicht erwartet, dass du zu meinem Vortrag heute kommst“, begrüßt sie Alfredo jetzt noch einmal.
„Vortrag“, stammelt sie.
„Ach ja“, schwenkt sie um „ich bin schon sehr neugierig auf den Vortrag.“
„Nein Alfredo, ich bin schlecht im Lügen, ich wusste gar nicht, dass du heute einen Vortrag hältst“, gesteht sie.
„Masetta kann nicht lügen“, schwärmt Alfredo „das finde ich wunderbar, lass dich in den Arm nehmen“, und er geht auf sie zu. Sie begrüßen sich wie immer herzlich.
„Eigentlich wollte ich mit dir alleine sprechen.“
„Gibt es ein Problem mit Marcello?“, fragt er besorgt.
„Nein, überhaupt nicht, es ist eine eher persönliche Frage mich betreffend.“
„Dringend?“, fragt er.
„Nein, es eilt nicht, ich bleibe heute beim Vortrag und komme morgen nach Geschäftsschluss!“
„Das ist gut“, freut er sich.
In demselben Moment wird ein großer Blumenstrauß, der für das Geschäft viel zu groß ist, hereingetragen. Es sind lange Rosen, Freilandrosen in wunderbarem Rosa anzuschauen, mindestens fünfzig Stück an der Zahl schätzt Masetta. Der Strauß sieht einfach atemberaubend aus! Sie schaut Alfredo an, kann aber keine Antwort in seinen Augen für dieses Rosenmeer finden. Sie labt sich bei deren Anblick, doch sehr schnell werden sie ihrem Blick wieder entzogen, der Blumenzusteller trägt sie an ihr vorbei in das Innere des Geschäftes.
„Entschuldige mich jetzt bitte, in einer viertel Stunde geht es los, ich werde dir einen Platz in der ersten Reihe reservieren, wenn du magst.“
„Danke, mit Vergnügen.“
Und er verschwindet so plötzlich wie er aufgetaucht ist.
„Worüber wird er sprechen?“, lautet ihre neugierige Frage im Inneren.
Irgendwo müsste es doch stehen! Sie sieht nirgends etwas dergleichen. Sie steht auf und schaut die Auslage genau an, aber nirgends findet sie einen Hinweis auf seinen Vortrag.
„Geladene Gäste“, folgert sie und setzt sich wieder nieder.
Mittlerweile füllt sich der Raum, der sonst nur vorwiegend die Bücher tragenden Obst- und Gemüsekistchen beherbergt hat, mit Menschen, und ein junger Mann ist gerade dabei, Stühle aufzustellen in diesem Geschäft, das so klein ist, dass es keine Gondel beherbergen könnte, wie es in der Buchhandlung „Acqua Alta“ der Fall ist, und das ist auch nicht notwendig, weil es nicht hochwassergefährdet ist.
Mehr als dreißig Stühle werden es wohl nicht werden, aber Masetta kennt Szenarien in Alfredos Geschäft, bei denen die Leute auch am Boden gesessen oder dicht gedrängt gestanden sind. Alfredo liebt es kurzweilige Vorträge zu halten, mehr als fünfundvierzig Minuten spricht er nie und das ist aus seiner Sicht dem Publikum gerade noch zumutbar. Da immer mehr Menschen in das kleine Geschäft drängen, so beschließt Masetta ihren Beobachtungsposten vor dem Geschäft aufzugeben und sich unter die Menge zu mischen. Sie tut gut daran sich langsam zu ihrem dankenswerterweise reservierten Platz zu bewegen, da es jetzt schon sehr eng wird. Welcher Platz ist für sie reserviert? Sie kann nichts erkennen, so setzt sie sich einfach auf einen freien Stuhl. Jetzt erblickt sie auch die Rosen, sie stehen auf dem Tisch, der in seiner Lade die begehrten Kopien beherbergt. Gemurmel, Lachen und lautes Gerede wechseln einander ab und Spannung liegt in der Luft. Jetzt beginnen die Leute sich eine Sitzgelegenheit zu suchen und langsam wird es leiser im Raum. Alfredo ist wie man es für einen Profi erwartet verschwunden, und er wird sich erst zeigen, wenn er die imaginäre Rednerbühne betritt. Es wird immer stiller im Raum bis es so still wird, dass das Fallen einer Stecknadel störend wäre. Jetzt ist er da!
Alfredo tritt auf und zunächst begrüßt ihn heftiger Applaus. Doch was ist das? Nach dem Applaus geht er gleich wieder ab. Das ist Alfredo, er spielt, wo er kann, und das Publikum spielt mit. Als er abermals auftritt ist kein Applaus zu hören. Ein paar Menschen beginnen zu klatschen, aber sie kennen das Ritual noch nicht und so verstummen sie gleich wieder.
„Armer Alfredo, er bekommt keinen Applaus“, lamentiert er laut und geht als weinender Clown wieder ab.
Alle lachen und applaudieren wieder so lange und heftig bis er wieder herauskommt. Es dauert lange, bis er sich zeigt, er lässt sich bitten, aber jetzt ist er wieder mit einem lachenden Gesicht hier!
Jäh verstummt der Applaus und er ruft „Liebe Freunde“, und breitet die Arme weit aus „schön, dass ihr hier seid“, und er fährt fort „Wie es sich schon herumgesprochen hat, so wissen Sie, dass Sie sich in der ehemaligen Gemüsewarenhandlung meines Großvaters befinden. Wie Sie sehen, erinnern die Holzkistchen noch daran. Immer wieder überlege ich, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen der einstigen Gemüsehandlung und der jetzigen Buchhandlung gibt?“
Gelächter wird hörbar.
„Sie lachen, das ist eine wirkliche Frage für mich“, und er nimmt plötzlich seine Geige, die unweit von ihm liegt.
„Immer wenn ich eine Frage in meinem Herzen trage, so frage ich sie – meine Violine“, er legt sein Ohr an das schöne braune, warme Holz und seine Augen fangen zu leuchten an. Dann legt er sie wieder weg und schweigt bedeutungsvoll.
Nach einer langen Pause sagt er „Sie ist ganz meiner Meinung, Sie können also sicher sein, dass es keinen Unterschied zwischen der einstigen Gemüsehandlung und der jetzigen Buchhandlung gibt!“
Noch mehr Gelächter breitet sich aus.
„Sie glauben mir nicht! Na gut, dann muss ich es Ihnen beweisen. Sie gehen zum Beispiel in eine Gemüsehandlung, weil Sie hungrig sind, was werden Sie wählen? Wahrscheinlich das von der gestrigen Werbung im Fernsehen, Zucchini aus Südamerika.“ Dann fährt er fort.
„Oder die Werbung hat ein angeblich gutes Buch empfohlen? Sie gehen in die Buchhandlung um es zu kaufen, oder im besseren Fall sind Sie innerlich am Verhungern, ausgehungert nach Leben und Sie kommen hungrig hierher, der Hunger nach Leben treibt Sie her. Ich muss Sie enttäuschen, die Zucchini sind genmanipuliert und die Bücher profitmanipuliert, Sie bekommen in beiden Fällen keine Nahrung. Auch hier ist es nicht viel anders, woher soll ich denn die biologischen und lebensatmenden Bücher hernehmen, mit den paar Büchern aus dem hauseigenen Garten?“, und er schaut lange und ratlos in das Publikum.
„Wofür führe ich eigentlich eine Buchhandlung?“ Seine Augen werden so traurig, dass man glaubt, er beginnt jeden Moment zu weinen.
„Ich werde zusperren, ich werde diesen Mist nicht mehr anbieten!“, schreit er plötzlich.
Manche Menschen kommen zu seinen Vorträgen, um gutes Schauspiel zu sehen. Es interessiert sie weniger, was er sagt, sondern sie finden Lust, Gefallen und Freude, auf welche Art er es sagt. Öfter kommen Schauspiellehrer mit ihren Schülern hierher, ohne dass er es weiß, um gutes Schauspiel anhand seines Beispiels zu lehren. Wie er von einem Gefühlsschauer in den nächsten verfällt, das kann schon faszinieren. Aber der Großteil der Anwesenden ist an dem Inhalt seiner Reden interessiert und findet sein Engagement vorbildhaft und ansteckend. Seine aufrüttelnden Reden gegen die Kreuzfahrtschiffe in Venedig hat jeder noch gut in Erinnerung.
Der kleine Raum ist vollgesteckt mit Menschen, manche sitzen am Boden, viele auf den Stühlen und sehr viele stehen.
„Wenn es ruhiger wird am Abend und ich hier im Geschäft sitze, beginnt sie zu sprechen“, sagt er unvermittelt und deutet auf seine Violine.
„Sie ist so aufdringlich, am liebsten würde ich sie verbrennen“, und dabei schaut er sie ganz zärtlich an und streichelt sie resignierend, und dann fügt er hinzu „Ich kann sie aber nicht verbrennen!“ Jetzt kniet er sich vor ihr nieder und streichelt sie abermals, dann springt er jäh auf und tobt.
„Du Tyrannin, du Elende“, er gibt jedoch schnell nach, nachdem er ihre Schönheit wieder gesehen hat.
„Gut, ich bin dein Sklave, du befiehlst, ich gehorche! Was soll ich tun?“, spricht er hilfesuchend ins Publikum.
„Können Sie ihr widerstehen? Sie spricht von der Literatur, die entlaufen ist“, und er wird ganz ruhig, doch im nächsten Moment bricht es wieder aus ihm heraus.
„Du Miststück! Soll ich ein Leben lang dein Sklave sein? Ich bin ein freier Mensch, was willst du denn von mir?“, und zornig glühen seine Augen, die im nächsten Augenblick sie anflehen, ihm zu verzeihen.
<Sie ist entlaufen, sie ist entlaufen.>
„Hören Sie sie?“, fragt Alfredo. „Das geht den ganzen Tag. Oft hülle ich sie in Decken ein, um sie zum Schweigen zu bringen, aber es nützt nichts, sie spricht dann umso lauter.“
„Ich verbrenne dich“ drohe ich ihr, aber sie lacht mich nur aus!
Hören Sie, sie flüstert schon wieder
<Sie ist entlaufen, sie ist entlaufen, sie ist entlaufen!>
„Wer?“
<Die Literatur>, antwortet sie frech!
Dann lispelt sie weiter <Sie hört auf den Kosenamen Poesia.>
„Na und?“, frage ich. “Such sie, aber lass mich in Ruhe.“
<Nein>, opponiert sie sofort, <du musst sie suchen.>
„Ich? Warum?“
<Weil du ein Mensch bist>, versucht sie zu schmeicheln.
„Ich habe Besseres zu tun“, weise ich ihr Ansinnen zurück.
<Nein>, herrscht sie mich an, <nein, ich werde immer davon sprechen und dich daran erinnern>, droht sie.“
Es wird wieder ganz ruhig und seine Augen glänzen, er schaut lange ins Publikum, dann endlich unterbricht er das Schweigen.
„Oft sehe ich sie nachts, Signora Poesia, von der Weite erträgt sie mich. Sie singt leise vor sich hin und neigt ihr wundervolles Haupt in alle Richtungen. Lange beobachte ich sie und kann mich an ihr nicht sattsehen. Ich winke ihr, sie solle sich doch endlich meiner annehmen, damit ich mich an ihr laben könne. Sie lehnt ab, und ein leiser Wind kommt und trägt sie auf seinen Fittichen davon. Immer nur nachts wird sie gesehen, wenn alles ruht, dann geht sie traurig durch die Gassen. Das Licht hasst sie am meisten, das so grell alles beleuchtet. In den Buchhandlungen versteckt sie sich schon lange nicht mehr. Nein, sie hockt auf stillen Plätzen und lauscht, ob sie jemand ruft. Ich habe sie oft gesehen, und wie ich sie gerufen habe, ist sie plötzlich verschwunden. Vielleicht hört sie auf jemanden anderen. Sie wartet auf etwas Bestimmtes, wenn ich nur wüsste, was? Vielleicht wissen Sie es! Wenn Sie sie sehen, flüstern Sie ihr etwas zu, ganz leise, das liebt sie. Wer einen Hinweis zu ihrem Auftauchen zu mir bringt, dem werde ich einen Wunsch erfüllen, soweit es mir möglich ist.“
Lange schaut er wieder in das Publikum und eine noch längere Pause folgt.
Dann sagt er überraschend „So, und jetzt sitzen Sie da nicht herum, suchen Sie Signora Poesia, Sie können mich doch nicht der Verrücktheit preisgeben“, und er beginnt den Rosenstrauß an die Zuhörer zu verteilen.
„Ich bringe sie hierher“, hört man plötzlich eine Stimme aus der letzten Reihe rufen.
Wie auf ein Kommando wenden sich alle Köpfe um, und Alfredo steht etwas ratlos mit seinen Rosen hier. Wer wagt es, Alfredo Brentini seinen gekonnten Abgang von der Rednerbühne zu stehlen? Alfredo liebt solche Konkurrenten so gar nicht!
„Geben Sie mir drei Wochen Zeit und ich bringe Ihnen Signora Poesia“, ertönt wieder die Stimme von hinten.
„Ist ja prima, und wir freuen uns alle darauf“, lautet die eher nüchterne Antwort von Alfredo und er fährt fort seine Rosen zu verteilen.
Das Publikum ist Alfredo so ergeben, dass es dem mutigen jungen Mann, der so eine Behauptung von sich zu geben wagt, keine weitere Beachtung mehr schenkt, vielleicht sich nicht schenken traut. Nur Masetta steht noch unter Schockwirkung, weil sie eben gesehen hat, dass es der Zauberkünstler war, der diese Worte gesprochen hat. Alfredo steht wieder im Mittelpunkt und niemand wagt es, auf die tollkühne Behauptung des Fremden einzugehen, der die Situation sofort begreift und sich nicht weiter in den Mittelpunkt stellt und allmählich die Buchhandlung verlässt.
„Eigentlich ist es schade, dass niemand seine Worte ernst nimmt“, denkt Masetta, und sie ist ein bisschen enttäuscht darüber, aber nachlaufen kann sie diesem Mann jetzt auch nicht.
„Wahrscheinlich ist er zu jung und schön – und das in Alfredos Revier!“, nimmt sie an.
Trotzdem versteht sie es nicht ganz.
Das Rosenverteilen und die herzlichen, kurzen Gespräche sind vorüber, langsam wird es ruhiger im Raum und die Menschen verlassen „La Parola“.
„Masetta, die zwei Rosen sind übergeblieben, darf ich sie dir zu der einen, die ich dir schon geschenkt habe, überreichen?“, fragt Alfredo.
„Mit Vergnügen, Alfredo, ich kann von Rosen doch nie genug bekommen“, und sie nimmt sich freudig der beiden Rosen an
„Alfredo, wieso hast du den Poesie-Fänger so verscheucht?“, platzt es aus ihr heraus.
„Habe ich das?“, fragt er.
„Ich denke schon!“, und sie fährt fort „Ist er zu schön und jung?“
„Das bin ich ja selbst!“, fügt er hinzu und sie lachen beide.
Er schaut sich um, ob noch jemand hier ist, der ihr Gespräch hören könnte, dann setzt er fort
„Seit zwei Monaten taucht dieser Mann immer wieder tagsüber in Venedig auf, keiner weiß, wer er ist, und er lebt auch nicht in Venedig, es kennt ihn keiner! Er zaubert am Lido vor den Leuten, beschenkt Frauen mit wertvollem Schmuck und er verteilt Geld – große Summen an Bettler und Arme. Er beschäftigt seit zwei Monaten die Venezianer. Was er tut, ist nicht rechtswidrig, aber wir sind vorsichtig, wir warten ab, was er vorhat, und so habe ich auf ihn auch eher zurückhaltend reagiert. Das musst du verstehen!“
„Ja das verstehe ich jetzt!“
Masetta will ihr Geheimnis noch nicht preisgeben, dass sie auch zu den schmuck-beschenkten Frauen gehört, was sie ein wenig schmerzt, und außerdem meint sie doch ein wenig Revierkampf in dem Verhalten Alfredos zu bemerken.
„Ein Verrückter in Venedig genügt doch, und das bin ich“, fährt Alfredo fort.
„Wirklich?“, stellt Masetta infrage und schaut ihn prüfend an.
„Es kann doch nie genug davon geben!“, schließt sie an.
„Wenn er ein wirklicher Verrückter ist“, fährt er fort „heiße ich ihn willkommen, nur ich bin mir noch nicht sicher, ob er nicht einfach ein Betrüger ist. Woher nimmt er das viele Geld, das er verteilt? Einem Bettler hat er eine 500 Euro-Note einfach zugesteckt. Das ist ja nicht normal! Entweder bestiehlt er die Leute mit seinen Zauberkünsten oder er hat wirklich so viel Geld. Aber gedulde dich, ich werde es herausbekommen. Und jetzt warte noch einen Augenblick, ich sperre die hintere Türe ab und dann gehen wir gemeinsam zum Taxi.“
Masetta sitzt wieder mit Rosen im Arm hier, es ist ihr nicht unangenehm, aber sie muss lachen, weil nur noch die Bodenaufschrift fehlt!
„Der Zauberkünstler“, denkt sie „beschenkt die Frauen mit Schmuck!“
Ihr Ego ist gekränkt. Trotzdem will sie nicht glauben, dass er
ein Betrüger ist.
„So, Schönste aller Frauen“, schwärmt Alfredo „wir können gehen.“
Er versperrt die Türe, nachdem er die Sessel von der Gasse herein gestellt hat und schaut in die beiden Auslagenfenster seiner geliebten Buchhandlung.
„Eine schöne Auslage“, sagt er befriedigt.
„Oh ja, Alfredo, ich liebe dein Geschäft, es ist ein einziges, wundervolles Buch.“
„Oh, ich danke dir, du weißt, wie gerne ich das höre“, und er hängt sich in sie ein und sie spazieren durch die laue Nacht.
„Und was machen wir mit dem Zauberkünstler?“, schließt sie unvermittelt an.
„Ich glaube nicht, dass er ein Betrüger ist.“
„Woher weißt du das?“, fragt Alfredo.
„Ich weiß es nicht, sein Aussehen und seine unaufdringliche Art flößen mir Vertrauen ein, er hat die Buchhandlung gleich verlassen, als er deine Reaktion bemerkte.“
„Es gibt auch sehr gewiefte Betrüger“, hält Alfredo dagegen.
„Vielleicht ist er ein Menschenfreund, der den Menschen Gutes tun will“, fällt Masetta ein.
„Alles möglich, aber gedulde dich, in Venedig kann sich niemand verstecken ohne aufgespürt zu werden!“
„Alfredo, das höre ich zum ersten Mal!“, staunt Masetta.
„Ja, Masetta, ich lebe, solange ich lebe in dieser Stadt und habe erfahren, dass sie alles mit der Zeit demaskiert, obwohl so vieles eine Maske trägt. Das ist das Eigenartige an dieser Stadt.“
„Die Stadt ist doch ein einziges Geheimnis“, stellt Masetta fest.
„Ja, aber nur für die, die es noch nicht wissen sollen! Nur schlechte Kriminalromane sprechen eine andere Sprache über Venedig. Wir können uns auf sie verlassen, sie weiß, was sie tut. Entweder sie speit den Zauberkünstler vor unseren Füßen aus oder sie beschützt ihn. Ich bin neugierig.“
So viel Geheimnisvolles hat Masetta gar nicht erwartet, aber sie ist dankbar für diese Unterweisung von einem Venedig-Weisen und zugleich von einem liebevollen Verrückten!

 

Roman "Die Zeitgebieterin" - ISBN: 978-3-7375-3426-0 epubli, Berlin 2015



 


ISBN 978-3-7450-6468-1 epubli, Berlin 2017



In der Gegenwart, in der es fast keine Zukunft zu geben scheint, muss vielleicht vieles als Traum beginnen, um überhaupt Wirklichkeit werden zu können. Weil Träume sind nur vor-zeitige Wahrheiten. Vor-zeitige! Wann ist es an der Zeit? Wenn jemand den ersten Schritt tut. Ich gehe diesen Schritt, und ich nehme dich mit. Wir gehen diesen Schritt, und wir nehmen die anderen mit. Ettore tut diesen ersten Schritt und will einer Bewusstseinsumwandlung auf die Beine helfen. Er ist ein merkwürdiger junger Mann, der sich nicht damit abfinden will, dass die Menschheit den Menschen vergessen hat, und ihn allmählich durch Maschinen ersetzt. Er versucht in Venedig eine Hochschule für zukünftige, nachhaltige Lebensgestaltung zu gründen, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Welche Hindernisse ihm aufgrund seines unfreiwilligen Charismas als Mann begegnen, welche die komischsten Formen annehmen und ihn beinahe scheitern lassen, wird auf vergnügliche Weise dargestellt ohne an Tiefe zu verlieren. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Ettore und Renata, die sich als seltsames Paar entpuppen, begleitet die Erzählung.

Ein Kapitel aus dem Buch:

Charisma wider Willen

Selbst Venedig kann sich dem Herbst nicht entziehen, obwohl es wahrscheinlich ewig dem Sommerland frönen möchte. Kein Aufschub wurde geduldet, der Herbst ist hier! Wo lässt Venedig jetzt sein Licht scheinen? Die dichten Reihen der Touristen haben sich gelichtet, Plätze und Gassen können wieder in ihrer Schönheit und Aussagekraft wahrgenommen und gewürdigt werden, und ungewöhnlich viel Raum breitet sich überall aus. Den Bewohnern Venedigs gehört wieder ein wenig die Stadt, und auch die Melancholie, die der Touristenstrom in sich aufgesogen hat, meldet sich zurück. Die Mauerwerke atmen Vergangenheit aus, die erst im Nebel ihre Gespenster auferstehen lässt. Die Zeit bis zu den kitschverdächtigen Adventmärkten ist nur kurz, um den unverstellten Geist Venedigs aufleben zu lassen.
Ettore liebt diese Stimmung, in der ihm Venedig so geheimnisvoll entgegentritt, oder liebt er den Nebel, weil seine Person nicht sofort geortet werden kann? Seine Publicity ist ihm nämlich inzwischen zum Verhängnis geworden, wenngleich die bisherige Verwirklichung seiner Pläne mehr als gelungen bezeichnet werden kann.
Innerhalb von einem Monat ist es ihm mit Alfredo Brentinis Hilfe gelungen, eine Wohnung in Venedig zu kaufen. Und nicht nur das, sondern er verhandelt mit den Behörden von Venedig über sein Projekt in der Lagune, nämlich Land zu mieten, um eine Gemeinschaft zu gründen, die auf den Beinen einer zukünftigen Lebensgestaltung stehen soll. Das alles ist ihm mit seinem Engel im Rücken gelungen: Alfredo Brentini! Ein wenig Misstrauen von den Behörden kommt Ettore immer noch entgegen, aber die Stadt Venedig braucht Geld und Ettore hat dieses zur Verfügung. Außerdem stärkt ihm Alfredo Brentini den Rücken, der das uneingeschränkte Vertrauen der Stadtregierung genießt mit der Einschränkung, dass auch er in keinen Menschen hineinschauen kann.
Es hat sich seltsam gefügt, dass Ettore in Alfredo so eine große Stütze gefunden hat. Nachdem Ettore sein Versprechen eingelöst hat und ihm geholfen hat das Herz seines Sohnes Marcello zu betreten, musste Alfredo nüchtern feststellen, dass sein Sohn weder ein Schatten seiner selbst ist, noch auf irgendeine Weise leidet. Im Gegenteil, er fühlt sich in Wien frei und tatendurstig. Ein melancholischer Vater ist in Venedig zurückgeblieben, der sich eingestehen musste, dass er zu sehr an seinem Sohn hängt. Ettore hat es ihm leichter gemacht über diese Ernüchterung hinwegzukommen, indem er die Rolle des Ersatz-Sohnes gerne angenommen hat.
So laufen Ettores Absichten sehr zügig voran, er kann zufrieden sein, und er ist es auch. Das einzige Problem, das immer wieder auftaucht, besteht darin, dass Ettores unfreiwilliges Charisma so stark geworden ist, dass es unerwünschte Nebenwirkungen sonderbarster Art hervorbringt: Kaum zeigt er sich in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in einem Kaffeehaus, so versammelt sich in kürzester Zeit eine Mädchen- und Frauenschar um ihn herum.
"Wie geht das vor sich?", fragt er sich immer wieder.
"Ist das durch das nebelige Wetter bedingt, dass man Abwechslung und Ablenkung sucht?", denkt er weiter.
Wird er von einem weiblichen Wesen entdeckt, so nimmt dieses das Handy zur Hand und in einer Viertelstunde hat sich eine Versammlung von Weiblichkeit um ihn gebildet, und sie bitten ihn um ein Autogramm.
"Ich habe Sie als Zauberer gesehen", schwärmen sie "bitte geben Sie mir ein Autogramm."
Da er im Sinne seines Projekts möglichst viele Venezianer für sich gewinnen will, so sagt er nicht nein.
Sie verwickeln ihn jedes Mal in ein Gespräch, das damit endet, dass er sich in seine Zauberei flüchtet und alle zum Staunen und Lachen bringt. Trotzdem ist es ihm lästig, dass um ihn gebuhlt wird.
Man weiß, dass er nicht verheiratet ist und Geld hat, und so wurde er zur Zielscheibe vieler Frauen.
Das Geld scheint nicht an erster Stelle zu stehen, nein, es ist sein absichtsloses Charisma, das so verführerisch wirkt.
Diese Ausstrahlung, dass er nichts von den Frauen will, macht ihn so begehrlich. Seine Zurückhaltung entfesselt das Wollen der Frauen auf eine Art und Weise, der er nicht mehr gewachsen ist. Ettores Wirkung auf Frauen hat sich schnell herumgesprochen, und viele Männer und darüber hinaus viele Cafetiers und Restaurateurs profitieren davon: Kaum zeigt sich Ettore in einem Lokal, so füllt es sich auch mit Burschen und Männern, weil sie wissen, dass sich Venedigs Frauen einfinden werden. Dass jene Männer und Burschen im Schatten stehen, und kaum Beachtung finden, damit wollten sie sich nicht abfinden, und so haben sie wahre Wettrennen mit den phantasievollsten Mitteln um die Gunst der Frauen entwickelt. Sie singen und tanzen und kommen in den originellsten Kostümen, um aufzufallen.
Der neueste Trend tut sich darin kund, dass sich die Männlichkeit extravagant kostümiert zeigt. Diese Kostüme haben jedoch keine Ähnlichkeit mit denen der Karnevalsfestivitäten, es sind moderne und einfallsreiche Roben. Die beginnen dann im Chor die schönsten Lieder zu singen, und trotzdem starren die meisten Frauen nur auf Ettore.
Kleine Brotkrümelchen fallen aber doch ab, und manch einer hat ein Mädchen oder eine Frau erobert. Seit Neuestem kommen auch Schaulustige zu dem Spektakel hinzu, und die Wirte, Cafetiers und Restaurateurs freuen sich auch außerhalb der Zeit der Touristenströme und des Karnevals über den guten Geschäftsgang. Den Venezianern scheinen diese Spiele wie gerufen zu kommen, um dem Nebel ein Leuchten entgegenzusetzen.
Ettore überlegt schon seit Wochen wie er diesem Problem beikommen könnte, ohne sich verstecken zu müssen! Heute hat er die zündende Idee: Er wird in Gegenwart seines Publikums über sein Lagunenprojekt sprechen, das die meisten in den Kaffeehäusern wahrscheinlich nicht interessieren wird, aber vielleicht kann er auf diese Art doch dafür werben und in Zukunft den Rummel um ihn bremsen.
Da Ettore ein Nachtmensch ist, so finden seine Kaffeehausbesuche erst am späteren Nachmittag statt, einer Zeit, in der die meisten ihre beruflichen Pflichten schon erfüllt haben; und so trägt es sich wie immer zu, dass Ettore in einem Kaffeehaus sitzt, aber womit er heute so gar nicht rechnet ist, dass viele Lokalitätenbesitzer Agenten schicken, die bei ihm für das Lokal werben, das er nächstens besuchen soll.
Sein Innerstes rät ihm zur weisen Lösung, dass er doch alle Lokale Venedigs in die Begünstigung der guten Besucherzahlen bringen sollte und nicht nur auserwählte.
Er meint, dass es klüger wäre die Stammlokale aufzugeben, ist sich aber noch unschlüssig, wie er das Problem lösen könnte. Die Agenten sind etwas in Verlegenheit im Gespräch mit Ettore, weil sie nicht wissen, womit sie ihn ködern könnten. Geld hat er ja selbst. Aber so ganz will Ettore auf diese Einflussmöglichkeit doch nicht verzichten, und somit trägt er sich mit dem Gedanken den Lokalbesitzern einen eigenartigen Vorschlag zu machen, falls sie mit seinem Kommen rechnen wollen: Fisch darf auf der Speisekarte angeboten werden, aber kein Fleisch! Dieser Plan existiert vorerst nur in seinem Kopf, und als er mit Alfredo Brentini darüber spricht, wird er von ihm eines Besseren belehrt.
"Das ist ein zu harter Brocken! Das bringt dir kein Wohlwollen ein, wir sollten uns eine klügere Lösung einfallen lassen."
Ettore stimmt schließlich zu, weil er weiß, dass er von Alfredos Lebenserfahrung lernen kann.
"Kommt Zeit, kommt Rat!", damit leiten sie ihren Kreativitätsfindungsprozess ein.
Ettore treibt sich also weiterhin in verschiedenen Lokalen herum, und er muss aufpassen, dass er abseits seines Genervt-Seins, weil er seine Privatsphäre auf das Äußerste beschnitten sieht, nicht doch ein wenig Spielfreude an der Faszination findet, die er in den Menschen auslöst.
"Auch damit muss man lernen umzugehen, wenn man von heute auf morgen im Mittelpunkt steht", sagt er sich.
"Aber eigentlich wollte ich doch etwas anderes", mahnt ihn seine innere Stimme.
"Nein, ich habe es und werde es nicht vergessen", mit diesen Worten beruhigt er diese Stimme, und heute hat er sich vorgenommen unter allen Umständen über sein Lagunenprojekt zu sprechen.
Hat er die Weiblichkeit bis jetzt immer mit seinem Charme und seinen Zauberkunststücken begeistert, so will er heute von seinem Projekt sprechen und sie damit infizieren.
Er hat seinen Auftritt wie immer gut vorbereitet! Ettore befindet sich also im 'Caffè del Doge' in der Calle dei Cinque und in gewohnter Reihenfolge hat sein Erscheinen zur Folge, dass sich ein reger Besucherstrom ihm zugesellt.
Die üblichen Rituale ereignen sich, nämlich dass die Burschen und Männer um die Aufmerksamkeit der Frauen buhlen.
Heute sind einige von ihnen kurioserweise als Tiere verkleidet: Prächtige Löwen marschieren auf, die gierig ihre Mäuler aufreißen und stolz bewegen sich drei an der Zahl in der Enge des Cafès, das bis auf den letzten Platz besetzt ist.
Sie schlängeln sich geschickt um die Kaffeehaustische und jedes Mal, wenn sie das Löwenmaul öffnen, erklingt lustigerweise ein echt klingendes Löwenbrüllen, das die Zuschauer unweigerlich zum Lachen bringt.
Heute haben es die Männer geschafft, die Aufmerksamkeit ganz auf sich zu lenken.
Die Frauen schauen wie gebannt auf die Löwen, die sich jedoch plötzlich auf mitgebrachte kleine Hocker niederlassen und provokativ eine Art Zuschauerpose einnehmen.
Kurz darauf läuft ein Mann, der als Stier verkleidet ist, herein und hinter ihm sein Verfolger, ein Torero.
Blitzschnell wendet sich der Stier um und greift den Torero an, der seinerseits versucht sich zu verteidigen, indem er zum Angriff übergeht.
So entspinnt sich ein interessantes Hin und Her, das damit endet, dass sich Torero und Stier zu aller Erstaunen erschöpft in den Armen liegen.
Wieder folgen großes Gelächter und Applaudieren.
Ettore verfolgt alles aufmerksam und will die eben hervorgebrachte Glanznummer seiner Rivalen nicht unterbrechen, weil er froh ist nicht im Mittelpunkt zu stehen, aber schon rufen ein paar Mädchen "Ettore, Ettore" im Chor.
Stierkämpfer und Stier lassen sich nicht stören und hoffen auf eine fortgesetzte, neugierige Aufmerksamkeit der Zuschauer.
Aber nichts dergleichen ereignet sich, sondern das Publikum verlangt nach neuer Ablenkung und wird unruhig, sie rufen nach Ettore.
"Ettore, Ettore", schallt es.
Sie beginnen aufmunternd zu klatschen und mit den Füßen am Boden zu stampfen! Was soll Ettore tun? Vorerst legt er sachte seinen Zeigefinger auf den Mund, weil er meint, die Vorführung seiner Rivalen noch hinauszögern zu können.
Und wirklich, der Torero nimmt eine Maske aus seiner Westentasche, die ein wunderschönes Mädchengesicht zeigt und setzt sie auf sein Gesicht, dann fragt er mit einer hohen Mädchenstimme "Kannst du mir sagen, wo der schöne Ettore ist?" Darauf nimmt der Stier eine Männerlarve, die dem Gesicht Ettores nachgemacht ist, und er antwortet "Hier, ich bin doch Ettore!", indem er sie fest auf sein Gesicht drückt.
Großes Gelächter ist im Raum zu hören und viel Applaus folgt.
Der als Mädchen maskierte Torero geht plötzlich auf den echten Ettore zu mit den Worten "Küss mich!", und er drückt sich so schnell an Ettore, dass dieser sich gar nicht entziehen kann.
In letzter Minute wird die peinliche Szene noch gewendet, indem sich drei Frauen blitzschnell zwischen Ettore und den Torero schieben.
"Weg da! Er gehört schon uns", kreischen sie, dass einem die Ohren zerspringen.
Ettore lässt sich geistesgegenwärtig zu Boden sinken, als ob er ohnmächtig wäre, aber ohne die Kontrolle über sich zu verlieren.
Ganz unten in der Hocke angekommen schnellt er wie eine Viper hoch, und alle, die ihn umgeben, schrecken vor ihm zurück.
So zum Stehen gekommen hebt er spannungsgeladen und langsam beide Hände bis auf Gesichtshöhe und breitet sie weit zur Seite aus als würde er etwas sagen.
Nein, er sagt nichts, sondern er lässt die Arme wieder fallen, behält aber seine Zuschauer fest im Blick.
Dann haucht er plötzlich "Es war einmal" Alle hängen an seinen Lippen, ohne zu wissen, was er damit eigentlich meint.
"Es war einmal eine wunderschöne Stadt am Meer", setzt er fort, ohne sein Publikum aus den Augen zu lassen. "Sie war so schön, dass ihre Bewohner zu Recht auf sie stolz sein konnten. Sie bauten nicht nur prächtige Bauten, sondern auch ihre Schiffe und Boote waren bis ins Kleinste durchdacht. Niemals ist ein Fuhrwerk oder gar Auto in dieser Stadt gewesen. Ihre Straßen wurden von eleganten Booten befahren. Ebenso stolze Kirchen gesellten sich zu den prächtigen Kunstwerken, die scheinbar so mühelos aus dem Wasser wuchsen."
Unbeweglich steht er vor ihnen, und jedes Wort bringt er so vor, als wäre es eine Überraschung, sodass er vorerst einmal mit der Aufmerksamkeit der Zuhörer rechnen kann, aber wie lange wird das anhalten? Er bewegt sich zwischen den engen Kaffeehaustischen hindurch, und sein katzenartiger Gang strahlt so viel Anmut und Schönheit aus, dass er wahrscheinlich gar nichts sprechen müsste.
Alle Augen verfolgen ihn neugierig, aber was sie über ihn wirklich denken bleibt noch im Verborgenen.
Mit Nachdruck fährt er fort "In rauschenden Festen explodierte ihre Lebenslust, die sich aber auch sehr oft Einhalt gebieten musste, immerhin hat hier jeder jeden gekannt. Vielen Besatzern hat sie getrotzt, und sich aber schließlich doch immer wieder zurückerobert."
Sie hören ihm interessiert zu, aber die Quelle ihres Interesses liegt woanders. Nicht so sehr die Erzählung interessiert sie, sondern wie er agiert, was er sich alles einfallen lässt, sie genießen einfach das Schauspiel "Ettore".
Ettore geht ganz in dem Bestreben auf, seine Zuhörer für die Nöte ihrer Stadt aufzuwecken.
"Dann kamen ruhigere Zeiten", spricht er motiviert weiter "in denen alle ihre Früchte ernten konnten.
Doch nur kurze Zeit währte der Frieden; plötzlich wollte jeder, der auf sich hielt, diese Stadt sehen, und so wurde sie wider Willen zum historischen Vergnügungspark erklärt.
" Spätestens jetzt ist es allen klar, von welcher Stadt er spricht, und sie werden jetzt doch von einem Interesse ergriffen, das über die Schaulust hinausgeht.
"Das ging lange gut", setzt er fort "aber dann interessierte sich plötzlich ein Ungeheuer für dieses kostbare Juwel.
Hatte man alle Eindringlinge immer erfolgreich zurückgewiesen, so wurde dieses Ungeheuer mit offenen Armen empfangen, und noch schlimmer kam es: es wurde ihm ein lebenslanges Gastrecht zugestanden.
Man stelle sich das nur vor!" Jetzt wird es doch noch interessant für die Venezianer, nämlich weil es ihre Stadt betrifft.
Ettore freut sich über die Spannung, die er bei den Zuhörern entfachen konnte, und er erzählt mit seinen gekonnt eingesetzten schauspielerischen Mitteln der Sprache weiter.
"Das Ungeheuer wunderte sich sehr über das ihm zugestandene Gastrecht und meinte, es sei eine List, um es loszuwerden, schließlich ernährt es sich doch von Kirchen und Palästen, wenngleich es dies als sein Geheimnis hütet. Es ist auf der Hut.
'Ach wie gut, dass niemand weiß, was ich stehl' ohn' Geheiß!', murmelt es vor sich schmunzelnd dahin."
Ein Lachen erfasst die Zuschauer, das verrät, dass sie das Märchen nicht zu ernst nehmen wollen.
Oder? "Nein, stehlen", fährt er fort "stimmt nicht, es befördert ja Unmengen von Touristen in die Stadt und als Entschädigung lässt es auch Touristen-Euros hier - und daher nennt man es 'Goldi'."
Jetzt ist der Groschen - der Euro gefallen, und das heikle Thema, das so manche Venezianer in heiße Diskussionen verwickelt, explodiert zur Überraschung aller Anwesenden.
Rede und Gegenrede unter den bis jetzt so gefügigen Zuschauern bricht aus, die Emotionen kochen über und keiner versteht sein eigenes Wort mehr.
Damit hat Ettore nicht gerechnet.
Kann er etwas zur Beruhigung der Emotionen beitragen? Ja, ein Zaubertrick fällt ihm ein, wenngleich Ettore sich wundert, warum er den Dingen nicht einfach den Lauf lässt, aber er fühlt sich doch verantwortlich für das Ausbrechen der Unruhe.
"Außerdem ist es der Gipfel der Unhöflichkeit meine Erzählung wegen der Kreuzschiffsdampfer so abrupt zu unterbrechen", ärgert er sich.
"Ich werde jetzt kein Opfer dieser Umstände werden, die ich zwar selbst herbeigeführt habe, aber die trotzdem nur ein Stimmungsbarometer für meine Person sind."
Getragen von dieser Art des Siegeswillens, der das Spiel der Venezianer mit Ettore nicht dulden möchte, beginnt er mit seinem Können als Zauberer.
Er greift zu einem Zaubertrick, der ihn nie verlässt, und den er immer parat hat: Er wirft Münzen, nämlich Euros, in die Höhe und lässt sie mühelos verschwinden.
Jetzt verwendet er Geldscheine, man kann sie gar nicht zählen, so viele sind es, für das Auge als Euroscheine erkennbar, wahrscheinlich Spielgeld.
Großzügig wirbelt er sie in die Höhe, und auch sie verschwinden einfach im Nichts! Der Zaubertrick, den er öfters mit Variationen wiederholt, scheint das Interesse wachzuhalten, die Konzentration fließt zu Ettore und allmählich beruhigt sich die Lage wieder.
Jetzt bringt er einen Hut mit ins Spiel, den er gemeinsam mit den Münzen hochwirbelt und der auf magische Art und Weise die Geldscheine auffängt! Das gefällt! Dann nimmt er den Hut und entlässt die Geldscheine daraus, indem er ihn einfach ausleert, und wieder lösen sie sich in Nichts auf.
So geht das einige Zeit, die Zuschauer sind neugierig und aufmerksam geworden, Begeisterung macht sich breit und eigentlich könnte er sein Märchen weitererzählen, aber die Lust ist ihm vergangen, außerdem hat er Bedenken noch einmal unterbrochen zu werden.
Er bleibt kurz stehen, schaut spannungsgeladen mit großen Augen ins Publikum und alle hängen an seinen Lippen und warten mit Spannung was er sagen wird.
Aber er sagt nichts! Eine gute Minute hält das an, dann bricht er plötzlich mit der Spannung, wendet sich um, geht zur Bar, hinterlässt dort mit Eleganz eine 10 Euronote für seinen Kaffee und verlässt entschlossen das Lokal.
Er verschwindet sofort um die nächste Ecke und beschleunigt seinen Schritt.
Jetzt fühlt er sich wohler, es war die richtige Entscheidung.
Kühle kommt ihm entgegen und er geht in der spärlich beleuchteten Calle in der Dunkelheit weiter.
Im Caffè del Doge fällt man von einer Überraschung in die nächste, nämlich dass Ettore jetzt verschwunden ist.
Dass er sich in die Unsichtbarkeit gezaubert hat, glaubt wohl niemand, aber sein plötzliches Verschwinden hat so manche Phantasien ausgelöst.
Da niemand in dem Cafè den Überblick über das Menschengedränge hat, so meinen die einen, dass er zum Ausgang gegangen ist, die anderen meinen ihn wieder hereinkommen gesehen zu haben, und die Dritten suchen ihn mit ihren Augen im Lokal.
Könnte Ettore sehen und hören, wie sehr seine Präsenz noch nachwirkt, so hätte er seine Freude daran.
Lange braucht es, bis es Gewissheit wird, dass kein Ettore sich im Lokal irgendwo noch aufhält oder versteckt.
Schließlich findet man sich damit ab und redet des Langen und Breiten über ihn, über seine Zauberkunst, über "Goldi" und über seinen langen Zopf.
Ettore geht wie abwesend durch die dunkle Calle dei Cinque, er denkt darüber nach, was er in dem Cafè erlebt hat. Zufrieden mit sich ist er keineswegs.
Er ärgert sich und schilt sich selbst, dass er es nicht geschafft hat über sein Projekt zu sprechen.
Bis jetzt hat er immer nur mit einzelnen Personen zu tun gehabt, jetzt sieht er sich einem Kollektiv gegenüber, mit dem er so gar nicht umgehen kann.
"Erfahrungs- und Informationsmangel", spricht er zu sich selbst.
Er ist so in Gedanken versunken, dass er nicht merkt, dass es sehr nebelig geworden ist. Er hat den Nebel immer schon geliebt, er war immer sein Freund, der ihn in andere Bewusstseinsebenen führte. Grenzen verschwimmen und das strenge Auge des Analysierens wird ohnmächtig und muss sich auf Informationsträger verlassen, die unbeholfen Wirklichkeit erschließen wollen. Mit einem Mal wird ihm klar, dass er sich in Venedig befindet und so manche Gassen in einem Rio enden. Zunächst will er sich einmal orientieren, wo er sich eigentlich befindet. Noch ist kein Namensschild einer Calle in Sicht, weil alles vernebelt ist. Menschen begegnen ihm auch keine. Er verlangsamt seinen Schritt - die ausgestreckte Hand kann er noch sehen. Seine größte Angst ist im Moment in einen Rio zu fallen.
"So viele Calli gibt es auch wieder nicht, die in einen Rio münden", beruhigt er sich.
So geht er vorsichtig weiter, endlich erspäht er ein Schild "Ravano vècchia S. Giovanni".
"Keine Ahnung wo das ist", murmelt er sich zu.
Diese Calle ist etwas breiter und Geschäfte werden sogar hinter dem Nebel vage sichtbar. Menschen gehen ein und aus bei den Geschäften, und er fühlt sich schon etwas wohler und in Sicherheit, obwohl es alles auch Einbildung sein könnte, so unwirklich ist alles im Moment. Rechter Hand breitet sich aber ein Platz aus, gefolgt von einer Kirche, die ihm sehr realistisch erscheint. Vergeblich sucht er das Bezeichnungsschild, aber er geht vorerst weiter. Langsam kehren seine Gedanken wieder zurück zum Caffè del Doge.
"Ich will eine Gemeinschaft gründen, die auf zukünftigen Lebensbedingungen steht, und ich habe keine Ahnung wie man eine Gemeinschaft führt", wird es ihm klar.
"Ich durfte in so viele Herzen schauen, und durfte so viele Qualen einzelner Herzen verstehen! Das Herz des Kollektivs ist mir offensichtlich fremd!"
Sein Lagunenprojekt rückt mit einem Schlag in die Ferne. Traurigkeit überfällt ihn. Auch hat er plötzlich eine traurige Musik im Ohr. Es wundert ihn, dass seine Seelenstimmung eine innerliche Komposition hervorbringt, aber wo soll denn im Nebel Musik erklingen? Sein Nervenzustand scheint angekratzt.
"Ich höre doch ein Geigenspiel, das kann keine Einbildung sein", und er bemüht sich den Klängen zu folgen.
Jetzt begegnet er einer Quergasse, und es fällt ihm nicht leicht, sich zu entscheiden, ob er rechts oder links gehen soll.
Zunächst bleibt er stehen.
Vorübergehende im Gespräch bringen seinen akustischen Orientierungssinn immer wieder ins Wanken.
Dann entscheidet er sich nach links zu gehen, und wirklich, der Klang wird stärker.
"Es ist zweifellos ein Violinspiel", sagt er sich und folgt zielsicher der akustischen Spur.
"Wahrscheinlich ein Straßenmusikant", denkt er "aber das tröstliche Weinen der Violine tut jetzt gut", und er wird von den Tönen magisch weitergezogen. Immer näher kommt er den Tönen, und jetzt kommt es ihm vor, dass er das wunderbare Spiel ganz von der Nähe hört, aber der Nebel gibt keinen Straßenmusikanten frei. Er geht weiter.
"Das Spiel entfernt sich von mir?", zweifelt er. Ja, er entfernt sich von den Tönen. Er kehrt um, und geht wieder zurück um das Violinspiel zu suchen. Er bleibt stehen um zu lauschen, aber die Töne entfernen sich immer mehr, und so verharrt er auf der Stelle und konzentriert sich ganz auf die entschwindenden Töne.
Hört er noch etwas, oder ist es der Nachhall in seinen Ohren? Ganz leise vernimmt er zarte Töne, und regungslos steht er und lauscht - und lauscht dem tröstenden Himmelsgesang.




ISBN 9783748580256 epubli, Berlin 2019


Mit dem "Spirituellen Unsichtbaren" wurden in der Vergangenheit immer wieder Menschen eingeschüchtert und verfolgt, und man hat versucht, sie damit willfährig zu machen. In vielen Teilen der Welt ist es heute noch eine gängige Praxis. Deshalb ist es verständlich, wenn Menschen davon nichts wissen wollen.
Vielleicht gehört dieses "Spirituelle Unsichtbare" doch zu unserer Welt und es beeinflusst uns unbewusst mehr als wir glauben? Gibt es auch einen mündigen, eigenständigen und meinungsbildenden Zugang zu diesem Thema?

Ausgerechnet in Venedig blüht eine Hochschule, die das neue Menschenbild - eine Verbindung von Idealismus und Naturwissenschaft - sichtbar macht!

Ausgerechnet in Venedig philosophiert eine "Altersrunde" mit viel Humor über Krankheit, Tod und den Sinn des Lebens.

Ausgerechnet in Venedig verliebt sich ein junger Mann in eine 70-jährige Frau!


Ein Kapitel aus dem Buch:

Das Unvermeidliche

Die Flocken fallen. Sie fallen, sie fallen lautlos zu Boden. Fast unhörbar landen die Leichtgewichte. Nur manchmal verraten sie sich ganz leise ohne die seltene Stille in Venedig zu stören. Ohne Eile senkt sich das Weiß vom Himmel herab. Alles ist verstummt und Schritte geistern durch das Weiß. Die weiße Decke breitet sich unbarmherzig aus, wer könnte ihr auch widerstehen? Das Wasser? Ja, es widersetzt sich erfolgreich dem Schneebefall, indem es ihn für null und nichtig erklärt. Welch ein Hohn! Kaum erreichen die Flocken den Wasserspiegel, so lösen sie sich auch schon in nichts auf.
Ergeht es so einem Verwandtschaftsverhältnis, das sich zu intim gemacht hat? Vielleicht kann das Wasser doch überlistet werden. Die Flocken werden größer und zahlreicher, sie rufen zur Vereinigung auf bis sie so dicht werden, dass man die Hand vor dem Gesicht nicht mehr sieht. Aber vergeblich. Das Wasser lächelt noch immer. Und so widersetzen sich die Flocken dem Unvermeidlichen bis ihnen vielleicht ihr mächtiger Verbündeter zu Hilfe eilt: Der Frost! Aber wann wird es so weit sein?
Da gibt es noch jemanden in Venedig, der sich so tapfer dem Unvermeidlichen widersetzt: Alfredo Brentini. Der große Querdenker! Heute fällt ihm die Welt plötzlich auf den Kopf, in seinen Kopf fällt sie ein und setzt sich darin fest. Das passiert ihm selten, aber heute umso stärker. Meistens flüchtet er sich in sein Spiel "Die Violine weiß alles", aber heute geht es nicht so recht. So sucht er Trost bei seinen Büchern. Er steht vor dem Bücherregal in seiner Buchhandlung "Di parola" und sein Blick wird sofort weich und Zufriedenheit überkommt ihn angesichts seiner geliebten Bücher. Es sind nicht nur interessante Werke, sondern Bücher, die eine besondere Aufmachung haben, wobei die Papierqualität ihm besonders wichtig ist. Es geht ihm nichts über das Abtasten eines Blattes zwischen Daumen und Zeigefinger, sowie das Spüren der nicht sichtbaren Holzspuren im Papier - einer ungebleichten Seite mit dem milden Licht in sich, die den Geist bescheint und vorbereitet auf das zu Lesende. Fast zärtlich streicht er über die Seiten und sein Blick wird noch weicher. Illustrierte Bücher hasst er am meisten. "Nur keine Bilder, die den Geist blockieren, einengen und ihm seine Arbeit abnehmen", sagt er sich.
Mit dem geschriebenen Wort in jene Welt eintauchen, die alle Grenzen sprengt und die in unendliche Bewusstseinsräume führt - das bedeutet für ihn das Lesen eines Buches. Nur zu oft fragt er sich, ob in ein paar Jahren jemand noch ein gedrucktes Buch in seinen Händen halten wird? Das elektronische Buch erobert nur zu schnell die Bücherwelt. Das macht ihn heute so besonders traurig, und nicht nur das, heute versteht er die Welt nicht mehr.
"Ist er alt geworden?", fragt er sich! Fünfundsechzig Jahre ist doch kein Alter.
"Es kommen noch genug Menschen zu mir, die ein gedrucktes Buch kaufen wollen", beruhigt er sich. Außerdem denkt er an seinen Freundeskreis, der seit vierzig Jahren den vierzehntägigen Jour fixe bestreitet. Alle bevorzugen gedruckte Bücher.
Aber der Zeitgeist! Wo will er hin? Diese Frage beschäftigt ihn oft. Jetzt umso mehr, weil sein Sohn Marcello sich offensichtlich ganz diesem Zeitgeist verschrieben hat seitdem er in Wien lebt. Ist das wirklich Fortschritt, was der Zeitgeist beschert? Er zweifelt daran, weil er den Seelenschwund in allen Lebensäußerungen ortet. Kalte Intelligenz wohin man schaut. So brütet er vor sich hin, und er vergisst ganz, dass er Renata nach Geschäftsschluss noch erwartet.
Renata steht plötzlich hinter ihm, ohne dass er sie bemerkt hätte, so versunken ist er in seine geliebte Welt der Bücher. Es fällt ihr sofort auf, dass Alfredo heute eine Last mit sich trägt. Sie schleicht wieder zum Eingang, weil es ihr peinlich ist, ihn unbemerkt in seiner Beschwernis zu überraschen. So tritt sie durch die Eingangstüre wieder hinaus, und dann simuliert sie ein erneutes Betreten des Geschäftes mit einem lauten "Buona sera, Alfredo!"
Alfredo dreht sich überrascht um, und ohne es sich anmerken zu lassen, dass er auf ihren Besuch vergessen hat, geht er auf sie zu und begrüßt sie überschwänglich.
"Renata, buona sera, dein Mantel ist ganz weiß, schneit es?", fragt er.
"Ja, aber wie", antwortet sie, und Alfredo läuft zum Schaufenster seines Geschäftes und ist fast schockiert.
"Ja, das ist ja unfassbar, ich glaube vor zehn Jahren hatten wir das letzte Mal so viel Schnee! Du hast den Weg zu mir nicht gescheut, trotz dieses Wetters."
"Versprochen ist versprochen", gibt sie zurück.
"Womit habe ich das verdient?"
Renata schaut Alfredo durchdringend und schelmisch an.
"Du hast recht, ich bin ein unmöglicher Charmeur, verzeih' mir", antwortet er.
"Nein, diesmal verzeih' ich dir nicht!"
"Hast du mir denn schon einmal verziehen?", fragt er.
"Nein, du hast mir noch nie einen Grund dafür gegeben."
So witzeln sie eine Weile hin und her, obwohl Renata bemerkt, dass in Alfredo heute etwas anderes anwesend ist.
Ohne Umschweife sagt sie "Du alter Lügner! Sag mir sofort, was dich heute so belastet.
"Du hast mich wieder durchschaut. Wie gibt es das, ich habe mich doch so bemüht?"
"Hole deine Violine und erzähle es ihr, ich werde so nebenbei zuhören, wenn es dir recht ist."
"Also gut", Alfredo holt wirklich seine Violine, bevor er für Renata und sich zwei Stühle organisiert.
"Immer musst du mich verraten", schimpft er mit seiner Violine.
"Oh, jetzt ist sie beleidigt, sie will mir nicht mehr zuhören, hoffentlich fängt sie nicht zu spielen an. Renata, würdest du mir zuhören?"
"Mit Vergnügen!" Ist Alfredos Gram schon wieder verflogen, oder spielt er so gut? Das ist selbst für Renata heute die Frage. Bis jetzt meinte sie immer Alfredo ganz gut zu kennen.
"Alfredo, was plagt dich heute so? Ich würde es gerne erfahren", sagt sie in einem einfühlsamen Ton,
"Du hast recht, es tut mir besser diesmal nicht weiterzuspielen." Er bringt zwei Stühle, den Wasserkrug und zwei Gläser und schenkt Renata und sich ein und setzt sich.
"Weißt du, es hat mit Marcello zu tun", sagt er ungewohnt zahm. "Seitdem er in Wien lebt und vor allem seitdem er diese junge Freundin hat, vierundzwanzig ist sie, das sind fast zwanzig Jahre Altersunterschied, hat er ein Smartphone, als würde es ein normales Handy nicht auch tun. Er fliegt andauernd in der Welt herum, ich meine aus privaten Gründen, indem er Urlaub macht! Er hat seine innere Ruhe verloren, kurzum er saugt den Zeitgeist bewusstlos in sich ein, sodass er nur mehr ein Sklave von ihm ist. Er joggt jetzt auch - natürlich mir ihr", erregt er sich.
"Das Schlimmste ist, dass er keine Zeit mehr zum Komponieren findet und Gedichte schreibt er schon gar keine! Ich bin wirklich schockiert über seine Veränderung!"
"Was hat diese Frau für einen Beruf?", interessiert sich Renata. "Sie absolviert gerade eine Gesangsausbildung."
"Das ist doch großartig! Er wird sie wahrscheinlich als Pianist begleiten!"
"Ja, das tut er."
"Findest du das nicht gut?"
"Oh ja, aber diese junge Frau macht ihn ganz verrückt, und das ängstigt mich. Sie lenkt ihn auf Geleise, die nicht zu ihm gehören. Zum Beispiel Musicals liebt sie!"
"Wie war denn das mit deiner Riccardia, war es anders?"
"Jaja, du hast recht, aber ich war zweiundzwanzig Jahre jung." Er macht eine lange Pause und Renata hat das Gefühl, dass er sich selbst nicht versteht.
"Zu Weihnachten kommt er auch nicht nach Venedig. Zu Silvester will er kommen, aber mit ihr! Da haben wir wieder keine Zeit, um miteinander ausführlich zu reden. Vielleicht soll ich ihm sagen, dass er sie gar nicht mitzubringen braucht. Ein halbes Jahr kennen sie einander ja erst!"
Renata ist ziemlich ratlos so einen veränderten Alfredo vor sich zu sehen. Er, der Inbegriff der Freiheit und Großzügigkeit wird plötzlich so eng und streng.
"Findest du nicht, dass Marcello viel nachzuholen hat? Mit fünfundzwanzig Jahren hat er eine Frau kennengelernt, die um zwanzig Jahre älter war als er. Er hat sie vergöttert und sich ihr untergeordnet. Er muss sich jetzt einmal selbst leben."
"So krass sehe ich das nicht, die beiden waren immer gleichwertige Partner! Ich bin sehr unglücklich über die Trennung von Masetta! Obwohl ich lange mit ihr darüber gesprochen habe und sie mir ihre Beweggründe entlarvt hat. Ich habe mich mit ihr ausgesöhnt, weil ich sie verstehe, dass sie nicht immer so tun möchte als wäre sie vierzig. Den Druck, den sie empfunden hat in letzter Zeit, nämlich immer jung sein zu müssen, diesen Druck wollte sie loswerden."
Renata zweifelt ein wenig an seiner Aussage, aber sie kennt das Verhältnis nur vom Hörensagen. Plötzlich springt Alfredo auf, stellt sich in einigen Abstand vor Renata und tut so als ob eine zweite Person ihm gegenüberstünde.
"Ja, du hast völlig recht", spricht er zu dieser imaginären Person. "Ich bin ein Tyrann. Ich will meinen Sohn zurück, weil ich mit ihm musizieren, komponieren, diskutieren und so weiter ... will. Das kann ich jetzt nicht. Eine Beziehung von über vierzig Jahren von heute auf morgen beenden?! Das geht nicht!"
Blitzschnell wechselt er die Position. "Es wird dir nichts nützen, wenn du dich gegen das Unvermeidliche wehrst. Wird Marcello mit dir oder seiner Freundin verheiratet sein?", spricht das Imaginäre.
"Jaja, ich weiß schon, du willst mir nur ein schlechtes Gewissen machen. Außerdem wird er sie nicht heiraten. Ich weiß das. Ich habe ein Recht darauf meine Kreativität zu leben!" So springt er hin und her, um seine Rollen zu spielen.
"Lebe sie, aber ohne jemand zu versklaven", schmettert er sich entgegen.
"Du verstehst nichts von dieser Problematik, ich werde meine Violine befragen, sie hat mir immer gute Ratschläge erteilt." Er geht zu der Violine und bevor er sie zur Hand nimmt, bleibt er stehen und horcht auf.
"Sie antwortet schon! Aber was ist das für ein Gekratze?", pfaucht er sie an.
"Bist du auch gegen mich? Ruhe!", schreit er sie an. "Sie hört wie immer nicht auf mich. Ruhe! Wenn du nicht gleich schweigst, zersäge ich dich."
Er macht eine Pause, dann fährt er fort "Ah, das wirkt! Armer Alfredo, alle sind gegen mich." Er lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
"Nein, ich bin doch für dich!", ruft Renata von Spiellust angesteckt, und im selben Moment bedauert sie das Ende des Dialoges, der mit so viel Schauspielinstinkt vorgetragen war.
"Renata, ich danke dir", er läuft zu ihr und küsst sie auf die Wange.
"Bitte rezitiere für mich den 'Erhabenen Geist' von Goethe, das ist, glaube ich, heute das Einzige, was mir hilft!"
Das lässt sich Renata nicht zweimal sagen, sie liebt diese Stelle aus Goethes "Faust" und sie spricht sie des öfteren für sich selbst. So steht sie auf und bringt sich in Position, sie strafft sich und richtet sich auf, als würde sie um zehn Zentimeter größer sein, um diese ernsten Worte überhaupt aussprechen zu können.

"Erhabner Geist,
Du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime, tiefe Wunder öffnen sich."

Alfredo hat Renata schon oft gebeten dieses Gedicht für ihn zu rezitieren. Wie gebannt schaut er ihr zu, wie sie sich vor diesem scheinbar anwesenden Geist verwandelt und zu einer inneren Größe anwächst, die ahnen lässt, wofür der Mensch bestimmt sein könnte. Er ist auch gewachsen, indem er ihre Worte in sich aufnahm und er fühlt sich nicht mehr so hilflos wie vorher.
"Danke dir Renata, du hast mir mit deinem Vortrag Mut und Aufrichtung gegeben. Ich werde diese wunderbaren Zeilen auswendig lernen und mir selbst vortragen. Vielleicht kannst du mir dabei helfen?"
"Gerne tue ich das, Alfredo!"
"'Und meiner eignen Brust geheime, tiefe Wunder öffnen sich!' Ist das nicht ein wunderbarer Satz. Wieso vergessen wir, dass wir Wunder in unserer Brust tragen, die darauf warten angeschaut zu werden?"
"Weil sie so geheim und tief sind, dass sie sich vor uns verstecken!"
"Ja, du hast recht, wir müssen tiefer in uns hinabsteigen! Jetzt ist mir wirklich leichter ums Herz, auch weil du mir zugehört hast. Du hast eine besondere Art des Zuhörens, die einem das Gefühl vermittelt immer angenommen zu werden, egal was man sich vom Herzen spricht." Er schaut sie dankbar an, und sie lächelt.
"Meine anderen seelischen Wehwehchen hebe ich mir für unsere Jour fixe-Premiere auf, und ich freue mich wirklich, dass ich der einzige Mann in dieser prominent besetzten Runde bin. Das wird mich wieder verjüngen!", ruft er aus.
"Noch jünger! Dann können wir keinen Gesprächskreis über das Älterwerden führen."
"Da hast du auch wieder recht. Ich kann mich auf alt schminken, wenn du willst", schlägt Alfredo vor.
"Nein, dann schau ich zu jung aus!"
"Dann sind wir eben ein Teenagerkreis, das wäre mir ohnehin lieber", beschließt Alfredo das Gespräch und geht zum Fenster. "Schau dir das an, wie es schneit. In deinem Rom hätten wir jetzt einfach ein Taxi bestellen können. Aber in Venedig?", stellt er fest.
"Moment, Moment", erwacht Alfredo plötzlich. "Ich habe dich nicht einmal gefragt wie es dir geht! Entschuldige, ich war so auf mich fixiert. Vielleicht hast du auch etwas auf dem Herzen, das du mir anvertrauen willst?", fragt er.
"Na ja", sagt sie zögerlich "es geht um die Hochschule. Fast drei Monate ist es her, dass die Hochschule eröffnet wurde, und wir freuen uns über die wissensdurstigen Studenten, weil sie so gut miteinander kommunizieren können!"
"Das ist ja kein Wunder, ich habe den Stundenplan gesehen. Montag, Mittwoch und Freitag haben sie jeweils zwei Stunden 'Konstruktive Konfliktfähigkeit'", sagt Alfredo.
"Ja, das ist Ettore ganz wichtig, dass die Studenten als allererstes lernen Differenzen und Gegensätze aktiv und konstruktiv zu lösen. Schließlich sind bei diesen dreißig Personen alle vier verschiedenen Hautfarben und zusätzlich die vier Weltreligionen Buddhismus, Christentum, Islam und Judentum vertreten."
"Ja, das ist schon ein gewagtes Unternehmen", staunt Alfredo über den Mut Ettores.
"Das Problem, das wir im Moment haben, kommt nicht von den Studenten, sondern von außen: von Lucia. Sie macht in Venedig böses Blut gegen die Hochschule, obwohl die meisten ohnehin wissen, was sie von Lucia zu halten haben. Sie ist ja keine Unbekannte in Venedig. Es hat sich herumgesprochen, dass sie sich von Ettore als Frau verschmäht fühlt und aus Rache die Kampagne gegen die Hochschule anzettelt. Wahrscheinlich hat sie bezahlte Helfer, welche die Stimmung schüren, dass diese Hochschule angeblich nur von elitären Feinspitzen besucht wird. Wie sollen wir diesem Vorurteil begegnen? Du weißt sicher wieder einen Ausweg!"
"Ich habe wieder gehört, dass diese jungen Leute sehr willkommen in Venedig aufgenommen wurden, zumal sie sich sehr natürlich und vorbildlich geben und im Café 'ascolta' schon bestaunt und mit neugierigen Augen beobachtet wurden. Ich kenne diese Variante, von der du mir erzählt hast, noch gar nicht!"
"Eigenartig! Meine Information beziehe ich aus den provokativen Plakaten, die an einigen Orten in der Stadt angebracht sind!", sagt Renata.
"Diese kenne ich auch noch nicht. Weißt du eigentlich", fährt er fort "dass Lucia vor einer Woche in Mailand geheiratet hat, dort lebt ihr Mann, aber sie lebt noch in Venedig. Also das ganze Problem wird sich bald in nichts auflösen, weil ihrem Mann werden ihre Aktionen doch nicht gefallen."
"Das nicht, aber das wird sie nicht viel kümmern", vermutet Renata.
"Da müsste sie einen Irren geheiratet haben."
"Er soll einen Narren an ihr gefressen haben und sie vergöttern und sich so ziemlich alles von ihr gefallen lassen."
"Da bist du aber besser als ich informiert", staunt Alfredo.
"Ich weiß das alles nur von Ettore."
"Dann werden wir mit Lucias Mann einmal sprechen müssen", schlägt Alfredo vor.
"Ja, und wir meinen, dass nur du das kannst. Dieser Mann ist ungefähr fünfzig Jahre alt und wird sich von dem jungen Ettore nichts sagen lassen und von mir als Frau auch nicht."
"Du meinst, ich soll eine hohe diplomatische Mission vollbringen?"
"Ja, Ettore will mit dir darüber auch sprechen und dich bitten uns zu helfen, er hat mich sozusagen vorausgeschickt."
"Diese Lucia! Das ist unfassbar, was dieses männergierige Weib für Probleme macht. Sie tyrannisiert ja ständig jemanden in Venedig! Wir haben immer ein Auge zugedrückt, weil wir geglaubt haben, dass sie diese leicht provokante Werbung für Ettore und die Hochschule betreibt."
"Ja, sie hat sich ja auch als deren Urheberin ausgegeben!"
"Bis wir gemerkt haben, es kann nicht von ihr kommen. Aber wir wissen bis heute nicht von wem es kommt. Es muss irgendjemand in Venedig geben, der für Ettore und die Hochschule "Ascolta" positive Werbung macht. Ich finde das wirklich berührend. Es ist ja auch eine kostspielige Werbung."
Alfredo ist wieder ganz in seinem Element, sich tatendurstig für eine gute Sache engagieren zu können. Seine Augen blitzen vor guter Ideen.
"Gut, ich werde mich um die Sache annehmen. Ettore kann auf mich zählen."
Wie verwandelt leert er das Wasserglas, als hätte er alle seine Probleme vergessen.
"Wir gehen jetzt noch ins Café 'ascolta'. Was hältst du davon? Eine Kleinigkeit essen wäre nicht schlecht, aktuelle Neuigkeiten erfährt man dort auch immer - und das nur zwanzig Meter von uns entfernt."
"Das ist eine prima Idee - da brauchen wir kein Taxi aus Rom bestellen", witzelt Renata. So brechen sie ins Café 'ascolta' auf, um vielleicht Neuigkeiten über Lucia zu erfahren, währenddessen es unbarmherzig weiter schneit.

Der Garten Eden als Ort, der die Hochschule trägt und als anschauliches Lehrmaterial fungiert, versinkt jetzt im Winter in Schnee und Dunkelheit. Schon lange liegt der Rosengarten, dessen Stöcke in die Erde gebettet und obenauf mit Reisig vor der Kälte geschützt wurden, im Schlaf. Dieser Meditationsort, an dem eine Abkehr vom profanen Leben erfahrbar werden soll, ist selbst in tiefe Meditation versunken, wenngleich der strahlend weiße Tempel sich aufrecht erhalten konnte, jedoch in dem Weiß um ihn herum sich allmählich unsichtbar macht. Der Kommunikationsplatz ist verstummt, und der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis welken vor sich hin. Der Winter ist ausgebrochen, und trotzdem glühen die dreißig Studenten, die sich für die Hochschule bewährt haben, in zukunftsgestaltenden Plänen, die die Zivilisation wieder ein kleines Stück weiterbringen könnten. Kleine Stufen im Ringen zwischen rückwärtsgewandtem Festhalten und Vorwärtsstreben tun sich auf im ewigen Wettlauf zwischen Vorwärts und Rückwärts. Im Moment schneit es in der Welt. Vom Himmel ergießt es sich unablässig herab, aber es schneit so heftig, als würde alles zu Eis erstarren. Doch immer wieder widersetzen sich Orte und Flächen, die genügend Wasser gespeichert haben, diesem Schneebefall. Wie immergrüne Flächen sprießen sie inmitten der Schneestürme und dem Eis vor sich hin und geben Wärme ab. So auch der Garten Eden und seine Studenten. Eine Insel der nachhaltigen Zukunftsgestaltung breitet sich aus und sie lässt sich nicht einschüchtern, und mit ihr Ettore mit seinem Team, der auf seine Helfer zählen kann. So grünt die Hochschule "Ascolta" im Winter inmitten des Garten Eden. Schon zieht eine dichte Wolke heran, die das alles verschlucken und zum Verschwinden bringen möchte. Eifersucht, Ego und Macht heißen die Triebkräfte dieser schweren großen Wolke, und sie nennt sich Lucia. Eine Lucia, die kein Licht bringt, sondern Dunkelheit oder falsch verstandenes Licht - kurzum ein täuschendes Licht hervorbringt, das versucht den Garten Eden zu beleuchten und zu begreifen. Aber vergeblich, nur das wirkliche Licht kann die Finsternis erleuchten. Das alte Spiel hebt an. Wie viel Helligkeit kann man der Dunkelheit abringen? Wie viel Dunkelheit lässt sich in Licht verwandeln? Oder wer gewinnt, das Licht oder die Finsternis? Noch ist alles offen! Jedenfalls ist Ettores Projekt eine zarte Pflanze, die sich erst im Sturm bewähren muss. Solche Projekte scheinen von Anfang an dem Untergang geweiht zu sein, jedoch diesmal ist Umsicht und Klugheit am Werke. Die Riege der Ältesten in diesem Kreis setzt auf ihre Lebenserfahrung, die dem Projekt zugute kommen soll. Renata, Masetta und Alfredo führen diesen Reigen an, ohne von einer weiteren Helferin Kenntnis zu haben, nämlich Giulietta, die sich ständig unbemerkt für Ettores Projekt einsetzt, vermittelt und Wogen glättet.


 

Willkommen Über mich Als Autorin Biographie Sprechen Lachen Zukunft Kunst-Therapie Kontakt